Deine Ahnen, gingen sie zur See (revised)


Dein Blick bar jedes Gedankens stehst du vor mir.

Tausendundein Vogel

jenseits der See;

meine Wimpern umkreisen deine Seele.

Wir sprechen selten heute, es ist

einer jener Tage,

graublau,

aber wenn ich neben dir sitze und dein Nichtdenken zu mir herüberschwappt, weiß ich. Bin ich. Atme ich. Ein und wieder aus; du willst den Kopf drehen, aber ich erzähle etwas, damit du mich weiter ansiehst. Dein Blick bleibt blank, wie ein Katechismus. Es ist einer jener Tage.

Deine Seele ist voller Vorfahren, deren Geschichten du nicht kennst; deine Ahnen, gingen sie zur See? Stets vorbereitet auf eine Harpunenjagd, aber stumm einer Frau gegenüber. Gemeinsam schwimmen wir hinaus, deine großen Arme kämmen träge durchs Wasser, du bist drei Meter groß.

Manchmal will ich untergehen, nur um zu sehen, ob du mich rettest.

Wir tauchen gemeinsam. Deine Harpune – ist sie auf mich gerichtet? Schlingpflanzen liebkosen meine Schenkel. Du siehst zur Sonne. Schön, sage ich. Dann beginnst du einen sinnlosen Wettkampf und bist am Ufer, ehe ich losgeschwommen bin.

Haben wir uns je geküsst? Ich sitze neben dir wie ich unter einem Baum im Sommerwind sitze, gehüllt in Seide. Du bist der Wind und die Wurzel. Der Ackerbauer und der Wandergesell.

Wir kennen uns so viele kleine Stunden, dass wir schon tausend gemeinsame Tage hatten. Manchmal versuche ich, hinter die Gedanken zu kommen. Als Antwort stellst du mir eine Frage, die mich auf Grund und Boden weist. Manchmal sind wir für einen kurzen Moment wir, und wissen nicht, was wir tun sollen. Einmal habe ich deinen Fuß massiert. Auf deiner Dachterrasse nisten Welpen.

Wir schwimmen ein letztes Mal hinaus, das Ufer zittert durch den Zerrspiegel der

Blasen,

die wir strampelnd schlagen. Später reichst du mir das Handtuch. Der Himmel schaut unanständig. Dein Blick ist umwölkt, ein Seidentuch weht zu uns herüber. Ich lege lachende Apfelschnitze auf deine schönen Augen. Du riechst nach Achselhaaren.

(c) Anja Mutschler, 2023/2025

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