Utopia – ein Appell


„There is a thin line between positive thinking and delusion“,

sagt Belinda in der aktuellen Staffel des Streamingkrachers „White Lotus“ zu ihrem Sohn Zion. Er will 5 Millionen von einem Gangster erpressen. Er lacht nur – und zieht durch.

Neid! Denn derzeit ich suche ich intensiv nach diesem etwas YES in mir.

Wie lautet meine Utopie? Die, die mir Kraft gibt? Die, die mich Hürden überspringen lässt?

Ich fürchte stattdessen, zur Buchhalterin meiner Erfahrungen zu werden. Meine Erfahrungen, welche ich in „Möglichkeitsräumen“ anbieten darf. Räume im „Motel One“-Schick: Alle sind sich heiter (!) einig, dass man dem Großen auf der Spur ist. Man verabredet sich zu einem tollen Projekt, in dem man dies und das und jenes ändert. Allerdings passiert immer nur „beinahe“ etwas. Denn Möglichkeitsräume sind nichts für den großen Sprung.

Man kann darin verdorren. ICH verdorre darin.

Nun, die letzten utopischen Übungen hängen mir wohl in den Knochen. Auch ich bin ein Kind der progressiven Obama-Jahre. 2008 bis 2019 fühlte sich Utopie so schön konkret an (realutopisch quasi): Es kann sie geben, die Weltgesellschaft von Freiheit und Chancengleichheit, Globalisierung und Nachhaltigkeit. Ab 2015 bröckelte das, aber mit viel Energie schien diese Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit überbrückbar.

Tja. Hoffnungs-Burn-Out, ick hör dir trapsen.

Denn: emanzipatorische Groß-Forderungen bleiben im existierenden System, das auf Ungleichheit angelegt ist, wohl immer „utopisch“. Solange du dein Geld mit zeitaufwändiger „Arbeit“ verdienst, gibt’s eben nur das kleine Besteck für Veränderung. Die Betriebsausstattung des Menschen: Überzeugungen, Handlungen, Emotionen. Bisschen Geld. Aber eigentlich kann man sich das auch sparen. Oder wer heiratet von uns für 25 Euro in Venedig? Eben.

Don’t mess with the rich.

Stattdessen: Lasst uns Utopia bauen. Das Faktische mal beiseite schieben, nicht in Kämpfen von heute verheddern. Lieber fragen: Wo wollen wir hin? Was soll künftig möglich sein? Wofür möchte ich kämpfen? Fragen unabhängig der aktuellen Lage. Wirklichkeit ist beeinflussbar. Keine große Revolution ohne Utopie!

Ich schätze gleichzeitig viele Menschen, die utopisches Denken für gefährlich halten. Menschen, die wie ich rationales Denken und Handeln lieben. Aber: Als Superpower gilt dort, zu dekonstruieren. Kritisches Denken, bis der Sinn zerfleddert ist. Wenn alles zerlegt worden ist, was dann? Haben wir uns selbst zerlegt? Woher kommt dann noch der positive Vibe, damit wir die Dinge ÄNDERN?

Die feministischen Utopien im 15. Jahrhundert hatten es nicht leicht, aber das hielt beispielsweise eine Christine de Pezan nicht davon ab, sich eine „Stadt der Frauen“ auszudenken (übrigens: in Venedig).

Wer also sind wir, dass wir sagen, Utopien hätten keine Berechtigung?

Ich glaube, wir brauchen sie – dringender denn je. Um aus den Erkenntnissen, die wir mit kritischem Denken zutage gefördert haben, wieder etwas zu machen, wofür es sich aufzustehen lohnt.

Sonst werden wir bald Zombies sein.

Belinda stieg übrigens später in Zions Spiel ein. Sie war mit ihrer Schläue das heimliche Zünglein an der Waage, damit der Deal klappt und sie von einer armen Schluckerin zur Millionärin wurde. Wahrscheinlich braucht es beide: Die Skeptikerin und den Spieler, um dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen.

Sowieso: Utopien sind flüchtig, wenn sie verwirklicht sind. „Can I please only be rich for 5 minutes“, seufzt Belinda daher folgerichtig, als das Geld da ist.

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