Zwanzig Jahre brauchte dieser Gedanke, zwanzig Jahre.
aufgeschüttelt, abgerieben, angeeckt, hinuntergedrückt, klein geredet, weggeschmissen, aufgeplustert, weggelächelt, nachgespürt, losgeschickt und nicht angekommen, gegen das Licht gehalten und nichts darin entdeckt, heruntergeschluckt und wieder ausgespuckt, geschüttelt und gerührt, bis es nach Oliven schmeckte
zwanzig Jahre, bis aus einer Frage ein Gedanke wurde
weil ich gelesen habe, geredet, geträumt, gedacht, gelacht, gespielt, gerufen, gelitten, gezittert, geschrieben, gefühlt,
– vor allem –
weil ich gegangen bin, gekrochen und gerannt, gesprungen, auch rückwärts, weil ich gemalt habe und gedichtet, gesungen, gekocht, gebadet, Dinge geräumt, und Denken
– vor allem –
weil ich das Chaos ausgehalten habe und die Widersprüche, das, was nicht aufgeht, stehen gelassen und das was untergangen ist, irgendwann wieder hervorgeholt, nochmal angeschaut, abgestaubt, angedacht, anders gewendet, wieder besprochen, ein neues Mosaik hinzufügt, ein Aha,
Sternenstaub,
der mir zufällig zuteil wurde, viele Krisen, ach, so viele, das Staunen in Museen und Opernhäuser, Theatern und Konzertsälen, ich habe gesucht, erlebt, ausprobiert, angefangen, verworfen, versucht,
Freundschaften
und dann, dieser eine Abend, draußen, lau, nicht einsam, dunkel, ein Flugzeug fliegt an mir vorbei nach Mexiko, ich kann es an den
Lichtern
sehen, an dem ich den Gedanken endlich zu fassen bekomme.
Zwanzig Jahre für diesen einen Gedanken.
Der mich aufwühlt, abregt, kalt und heiß macht, weinen wegen des Gesterns – so viel Zeit ohne – und weinen wegen des Morgens – so viel Zeit mit dieser Erkenntnis. Der Gedanke ist erstickend klar wie Morgenluft, ich schaue dumm aus der Wäsche, ich seufze, lächle, lache mich kaputt darüber, dass wir das Denken automatisieren, ich bitte dich: zwanzig Jahre allein dafür, wie soll das gehen?, ich formuliere die Erkenntnis,
probehalber
so fruchtig und prall ist sie, dass man sie kaum übersehen konnte, aber wehe dem, der es sich nun einfach macht und bloß tja, zu mir sagt, als ob wir Erkenntnismaschinen seien, wo wir doch Widerspruchsmaschinen sind (darum geht es im Übrigen); die Erkenntnis, sie mag aussehen wie eine Rose, ist aber aus Unkraut, vergeht nicht, nie, also, ächzend, seufzend, schreiend, schluchzend, grummelnd, fluchend, enttäuscht und wie nennt sich das
erwachsen
schließe ich die Augen
und sehe den springenden Punkt,
im Sprung
und das ist ja schon mal was.
Dann nehme ich die Verfolgung auf. Wieder einmal.
(c) Anja Mutschler, 31.07.2025