Es gibt nichts Gutes an einem Krieg (revised)


Brüder, die sich nun hassen müssen. Ein aufgeklappter Rechner, eine zerknüllte Wolldecke und eine Rakete, wo vor Stunden noch Menschen saßen. Der neue ewige Staub wirft seine Schatten auf das maschinengewebte Sofa. Hässlich-gelb quillt der Schaumstoff daraus, er ist aus Zynismus Erschöpfung gemacht.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Im Klopapierbunker quaken verstummen die westlichen Seelen, getroffen vom Schicksal derjenigen, die verrecken. Eine Vorwärtsbewegung ins Nirgendwo, während die anderen entschlossen ihre niemand seine Taschen packt, um an die neue Front zu eilen.

Fluchthelferin. Söldner. Journalist. Politikerin. Ein Menschenwall gegen den Zerfall der Menschlichkeit. Hunderttausende auf den Straßen, Demokratie wagen und in den Himmel schauen, wo 1.300 km ostwärts Flieger jagen.

Menschenschicksale, frisch gepresst aus den Annalen des getäuscht vom American Way of Life, sind auf der Flucht: Grafiker, Programmiererin, Sportler und Influencerin. Beim kollektiven Begreifen auf allen tausend Kanälen springen die Geschichtszahlen durcheinander. Es ist kalt. 1943. Sudetenland. Annexion. Cyberangriffe. NATO. 1938. Es ist kalt. Kiew. Stalingrad. Wir sagen jetzt Kviw. Durcheinandersprechchöre mit Fluchtpunkt Sieg Frieden. Für die Demokratie, die nie unbeliebter war als heute jetzt wieder Westen heißt, auch wenn sie im Osten verteidigt worden ist.

Selenskiyj ist jetzt schon ein Märtyrer und Putin hat jetzt schon verloren. Wertemauern werden hochgezogen.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Es herrscht Krieg, weil ein kleiner Mann mit Maskengesicht aus dem Diktatorenautomaten tödlich beleidigt ist vom Geschichtsverlauf. Wir fassen uns an den Kopf und sehen uns um. Unser Sofa ist aus Plüsch oder Leder, Samt oder Teflon, gewebt, geblümt, gestreift, mit Wolle oder ohne. Manche mit Rotweinfleck, zeugen vom besseren Leben. Wir sitzen und glotzen und Mariupol der Osten der Ukraine stirbt derweil.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Fliehende ohne Sprache und Blick stranden zu Tausenden und sollen Danke sagen, obwohl sie nie wegwollten. Stille trotz tausender Menschen in der Ankunftshalle. Das neue Schweigen legt sich wie Staub in ukrainische Kehlen. Aus den Ecken quellen listig die Menschenhändler Populisten, auch sie hat unser System mit ernährt genährt.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Das Haus mit dem Sofa steht nicht mehr. Der russische Bruder weint beim Schießen.

(c) Anja Mutschler 2022 / 19.08.2025

Ein Deut (Verbeugung vor dem, was da ist, wenns wirklich drauf ankommt)


Deut, duit, das ist eine niederländische Scheidemünze aus dem 17. Jahrhundert, der allerletzte Rest eines Groschens, den man hervorkramt und dem Gegenüber hinhält, in der Hoffnung auf ein Stück Brot. Ist etwas kein Deut wert, ist es darob (heißt: also) nichts wert, noch nicht mal einen Krümel.

Zu sagen, etwas sei „keinen Deut“ wert, ist außer Mode. Wir sagen „mirdochegal“, „das ist natürlich Quatsch“ oder „überflüssig“. Etwas „keinen Deut“ beizumessen, ist gleichzeitig eine unserer Hauptbeschäftigungen geworden. Denn der Deut heute, das sind Begleiterscheinung von Dingen und Tatsachen, die uns auf (bzw. in) der Tasche liegen. Die meisten Waren, Kundenservice, Bürokratie, unbeantwortete Nachrichten, allgemein die Umstände des Lebens, das sind so Um-Deut-ungs-Maschinen unseres Leben. Wir sagen: (Die Beschäftigung damit ist) kein Deut wert. GEHT GRAD NICHT. Die Angelegenheit sagt: tja.

Dann, beispielsweise, echauffieren wir uns. Die Hitze (chaud/chauffer) im Wortstamm ist kein Zufall. Sie kann ein Deut tatsächlich zum Schmelzen bringen, wir haben es dann weg-echauffiert. Allerdings steht danach immer so viel Hitze im Raum. Langfristig schädigt das das Herz. Und kurzfristig haben wir sehr viel Mühe in ein Krümelchen investiert. Das Weg-Deut-en ist eine Anstrengung für sich.

Professioneller, und mit strategischem Echauffieren kombinierbar, wirkt die Ignoranz gegenüber dem Nebensächlichen, jenem einen Deut. Man findet etwas „nicht der Rede wert“ oder „der Sache nicht wert“. Vergegenwärtigen wir uns die Absender jener Ignoranz, deucht einem (von: dünkt, eine sehr subjektive Form der Einordnung, ganz ursprünglich auch: denken (!)) jedoch, es sei sehr wichtig, dass alle mitbekommen, wie sehr „kein Deut“ dies oder jenes wert ist.

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Widerstand


War es nie so und glaubten wir es nur, geliebte Freund*innen? Haben die Besitzstandswahrer tatsächlich zugehört oder nur den Mund gehalten?

An manchen Tagen scheine ich verrückt geworden zu sein, an anderen: gewesen zu sein. Was war das, noch vor kurzen Jahren? Glaube oder Wirklichkeit? Oder gibt es keinen Unterschied?

Es ist so schwer zu ertragen, dass Menschen, die besser nichts, nun alles in den Händen halten. Meine Kindheit fällt mir ein.

Die alte Wut.

Ob mir meine Ehrlichkeit den Umständen gegenüber nicht auch gefiele, fragte mich eine, die es aushält, diese Ehrlichkeit.

Äh, nein?!

Wir haben noch den Widerstand. Hoffentlich.