Versuche, über den Krieg zu sprechen (1)


13-3-2022 19-20 Uhr – Transkript des ersten Intro-Versuchs, korrigiert und ergänzt

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg. Im Grunde ist dieser Podcast damit schon zu Ende. Denn über alles, über das ich jetzt sprechen werde in der kommenden blauen Stunde, 20blue hour. Über alles, das ich sprechen kann, möchte ich gar nicht sprechen. Der 24. Februar 2022 ist [00:00:30] für viele ein einschneidendes Erlebnis. Eines ohne Vergleich. Aber für dienjenigen, über die wir sprechen, Und die fliehenden, die sterbenden, die traumatisierten Personen, Personen, die fliehen, auch nach Deutschland, die wir in Deutschland willkommen heißen wollen. Zum Glück. DMenschen, die [00:01:00] aber besser gar nicht weggehen wollten sollten: Diesen Personen hilft kein Podcast. Warum habe ich mich trotzdem dafür entschieden? Na ja. Wir sind alle unseren Möglichkeiten unterworfen. Wir sind alle dem Leben [00:01:30] unterworfen. Auch meines geht weiter. Der Podcast ist ein fester Teil davon. Nichts dazu zu sagen – das kann ich nicht. Dieser Krieg legt sich in alle Ritzen meines Denken und Handelns.

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Seelenkreisel


Den trauernden

Seelen ein Ständchen

voller Licht

Die See schlägt

Purzelbäume und

verschlingt den Ton

Barmherziger Seelenkreisel

ächzt nach Erlösung

und findet doch nur

— sich selbst.

(c) Anja Mutschler, geschrieben im Frühjahr 2019

Krieg: Lähmung


Rennen wollen, aber nicht wissen wohin. Ausschalten wollen, aber nicht wissen, was sonst einschalten. Reden wollen, aber nicht wissen, worüber noch. Lesen wollen, aber nicht wissen, wie man die Gedanken einfängt. Schlafen wollen.

Helfen wollen, aber nicht wissen, wie.

(c) Anja Mutschler, 13.3.2022

Bild: Michael Mutschler, 2015, „Ein letztes Leben“, Acryl auf Leinwand

Ich und Du im Krieg


Die Phase der Differenzierung hat begonnen.

Ich bin irgendwie froh, weil mir Militärstrategien nichts sagen, denn

es

gibt

nichts Gutes

an einem Krieg.

Diese Art von Krieg auch noch, der tollkühn, hannibalhaft rüberkommen soll und wie eine Persiflage eines Kriegsfilmes umgesetzt wird.

Indes: die Opfer sind echt. Tot. Traumatisiert.

Es sind Ich und Du, die nach einem sonnigen Tag in der klirrend kalten Apokalypse aufwachen, keine Pause, Stop, Nochmal. Kein Film.

Dummheit und Zufall können jetzt alles entscheiden, auch den ultimativen Krieg. Aber wahrscheinlich war das schon immer so. Wenn ich mir die Militärstrategen so ansehe, sind die auf alle Fälle aus einem anderen Film.

Ständig diese Ungleichzeitigkeiten. Diese Art Krieg in Europa? Welche Worte wir jetzt wieder aus einer staubigen Kiste holen, plötzlich wieder mit Bedeutung: Natofall. Bodentruppen. Artellerie. Schreibt man das so? Sind unsere demokratischen Gesellschaften nicht längst in einer ganz anderen Zeit/Sinn/Seinzone angelangt?

Sterben fürs Vaterland. Ey, wieso Vater???

Blutszoll macht auch nicht mehr so richtig Sinn, der alte Spruch: Frauen menstruieren, Männer ziehen in den Krieg, wirft mehr Fragen auf als Antworten.

Dieser ganze Akt, die Vergewaltigung Europas (hey, Zeus) ist so alt, ein widerliches Aufbäumen einer alten Welt, in der der Zynische, der Gewaltvolle, der Absolute Recht bekommt. (Fußnote: Über das Kuschen werden wir sprechen, Deutschlands Gedächtnis und Schmerz bieten keine Lösung. Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut. Die erste Generation, die zivilen Ungehorsam verstanden hat.)

Die „Zivilist:innen“ auf alle Fälle sind Lichtjahre weiter.

„Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“, wird zu: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner weiß, wie das geht.“

(c) Anja Mutschler, 11.3.2022

Bitte lest auch Salomé Balthus Text in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung oder bei ihr auf Facebook: https://www.facebook.com/salome.balthus.1

Coronatrain


(c) Anja Mutschler, 2021

Zugfahren, das war: Beide Hände frei, während man, nicht zu schnell und nicht zu langsam, der neuen Gegenwart entgegengondelt.

Fährt man lange, sieht man das Wetter.

Fährt man sehr lange, sieht man die Jahreszeiten.

„Oh, schau, hier blüht es schon /// noch.“

Man konnte keine Tankstelle verpassen; kein Fahrrad überholt einen von rechts, manchmal gabs sogar was leckeres im Bordrestaurant, und wenn man keine Lust auf eine Verabredung hatte, sagte man: „sorry, Verspätung!“. Glaubte einem jeder. Der Zug war der freundliche Begleiter der Postmoderne,

anything goes, and anywhere.

Man übte sich in zivilisatorischer Toleranz, die Banane links, der Gameboy rechts und natürlich DER SCHNARCHER, das waren die kleinen Reiseaufreger, die man erzählte, während man heiter seine zerknitterte Blusen auf den Bügel hing.

Ich etwa habe mich umgesehen, Gedichte geschrieben und (bisweilen) gearbeitet.

Jetzt haben wir Klimawandel

und

Pandemie.

Man soll Zug fahren wollen, will es aber gar nicht.

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Vergegenwart


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Viva Sonambulia (ohne _)


___ Schlaf, ichlein, schlaf (tic, toc 2:31 Uhr)____

Söhne solln ambulant buhln

Buhl_, Sohn, Ambrosia

Ampelbulimie

Sonar am Busn

Bambusjulia

Bimbamboul_

Lust am Bo_s_n

Sna/mbuli_r_n

Lumba, bumba, ufftata

Blusnsohn

Boulatti oder Bu, Latt_

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Pandemie-Tagebuch (5): Statt Athen


Statt Athen

.

Pantheon und die größte Sorge

ist ob wir der Mittagshitze entkommen

das Elend in den Seitenstraßen

und der gehetzte Kellner beschämen uns kurz

wir stehen am Hafen und träumen von Inseln.

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Pandemie-Tagebuch (4): Sommerfrühling


Dieser Sommer 2020 ist mein Frühling. Denn ein Jahr ohne Frühling, wie dieses Jahr, ist eigentlich keines. Mein inneres Leben endet im November und beginnt im März.

Das entbiert jeder Logik, weil viele wichtige Menschen – einschließlich meiner Kinder und mir – in dieser Zeit Geburtstag haben. Aber die besten, großen Dinge sind mir immer im März passiert. Und erst, wenn es um 18 Uhr noch hell ist, nenne ich das Ganze „Tag“. Ich bin derart konditioniert auf mein März-Feeling, das ich sogar dazu neige, alles halbwegs Gute im März hochzujazzen. Meine Neigung, allem einen Sinn abzuverlangen, alles zu labeln, gerät dieses Jahr allerdings an seine Grenzen. Ich labele dieses Herumkäfern in den eigenen vier Wänden mit „in die vernünftigen Jahre kommen?!?“, obwohl ich mich lediglich genau so verhalte wie der überwiegende Teil der Menschheit. Im Keine-Ahnung-haben übe ich noch. Auch damit bin ich nicht allein, wie ich in den immer heftiger ausschlagenden Twitter-Eskapaden bemerke. Das Dreschen hat wieder begonnen. Aah.

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Pandemie-Tagebuch (3): After Show


Die Gesellschaft leidet. Ich lese es. Ich höre es. Ich sehe es. Es gibt kein „Zurück“ mehr. Die Krise ist gekommen, um zu bleiben. Möglicherweise so lange, bis wir als (Welt-)Gesellschaft endlich etwas verstanden haben. So lange geht es aber erst einmal jedem einzelnen an den Kragen – zu wenig Außen, zu viel Innen – eine teuflische Mischung um verdrängte Lebensthemen auf den Tisch zu hieven. Ob allein oder gemeinsam: spätestens jetzt lernen wir sie kennen, unsere „After Show“-Personality. Das kann grausam sein. Oder höchst erfrischend.

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