Wochen in der Zeitspalte liegt hinter mir. J’en ai marre – ich habe genug!
WeiterlesenAutor: Anja Mutschler
Pandemie-Tagebuch (1): In der Zeitspalte
Nein, ich bin nicht in Quarantäne. Home Office mache ich seit 3 Monaten durchgängig. Meine Kinder sind groß genug, mein berufliches Leben läuft nahezu normal weiter (bis auf das ausbleibende Neugeschäft). Meine Verwandtschaft und alle Freunde sind (noch) gesund. Es gibt also keinen offensichtlichen Grund für dieses Tagebuch.
Eng und weit zugleich – meine Zeitspalte
Allerdings empfinde ich diese Zeit als extrem, vielleicht die extremste, die mir in meinem verwöhnten, friedensreichen, wohlstandsverwöhnten Dasein, in dem ich genug Momente zum Jammern, Klagen und mich selbst Bedauern gefunden habe, passiert ist.
Ich komme mir wie in zwei Hälften zerschnitten vor: Funktional, mich und meine Liebsten rettend-schützend, kurz vor der Panik, einerseits. Visionär, träumend, hoffend, entspannt wie selten auf der anderen Seite.
Gleichzeitig aus der Zeit gefallen und in eine Zeit hineingezwungen.
Ich sitze wie in einer Zeitspalte.
Wie ich hinein gekommen bin, weiß ich nicht. Ich bin unversehrt, habe aber wenig Spielraum.
WeiterlesenJa, wo lebe ich denn hier? #BTW17
Die Wahl sitzt mir in den Knochen. Die AfD ist erste politische Kraft in Sachsen, meiner Wahlheimat. Und in zwei Jahren sind Landtagswahlen – die SPD traditionell schlecht, die CDU blutleer. Wo soll das noch hinführen?
Ich ertappe mich dabei, durchzurechnen, was es kostet zwischen Berlin und Leipzig zu pendeln. Auch Leipzig hat versagt – insgesamt 18,3% wählten braun. Ja, es ist braun, nicht blau, man täusche sich nicht.
WeiterlesenLiebe Wahlheimat … ein Wossi macht den Mund auf: #RefugeesWelcome
Borna b Leipzig“ hieß mein erster Text, den ich nach meiner Ankunft in Leipzig an einem Samstag im Oktober 2000 verfasst habe. Der Text ist verschollen, aber ich erinnere mich noch, dass ich vor dem einzigen Dönerladen stand, dessen Scheibe „natürlich“ kaputt war. Die Herbstsonne schien auf die biergelben Scheiben eines einsamen Gasthauses, das ich zu Hause (im Süden der Republik) vielleicht wohlwollend als „Besenwirtschaft“ bezeichnet hätte. Bei meinem ersten Provinzausflug in den Osten sah ich keine Menschenseele, nicht einmal Gäste in der Gaststätte. Ich sah keine Ausländer, ich sah keine Inländer. Ich sah nur ein Casino und die kaputte Scheibe des Dönerladens. Ich fröstelte und fuhr zurück in die ostdeutsche Stadt.
WeiterlesenRegionalia – Geiseltalsee: Wunderbar blau
Fragen der Größe nähert man sich am besten von oben. Aus der 500-km-Perspektive nur wenige blaue Flecken. Der Bodensee misst sich mit seinen europäischen Kollegen, dem Genfer See oder dem Plattensee. Dieser Wettstreit im Seen-Memory ändert sich die nächsten paar hundert Kilometer nicht, die man mit dem satellitengesteuerten Web-Flugzeug auf Deutschland herunterschwebt. Erst ab 25 Höhenkilometer blinkt es blau auf den Karten von Google oder Microsoft: die Müritzer Seenplatte schiebt sich zuerst ins Bild, dann folgen Chiemsee und Ammersee und der Fleck südlich von Hannover entpuppt sich als Steinhuder Meer. Und da – ein wenig hinuntertrudeln noch, aber eine Ahnung hat man schon, der Geiseltalsee: größer als alle anderen Tagebauseen in der Region, ja sogar der größte künstliche See Deutschlands. Vier Mal größer als der Cospudener See, hat der Geiseltalsee die Goitzsche bei Bitterfeld als größten See der Region abgehängt. Der Große Wannsee von Berlin passt beinahe sieben Mal hinein. Der lag allerdings quasi immer schon im Süden von Berlin. Diese Standorthoheit muss sich der gerade erst zur Nutzung freigegebene Geiseltalsee im Landkreis Merseburg- Querfurt noch erarbeiten.
WeiterlesenGanz sicher
Es ist ein lauter Abend, denn alle wollen reden. K. sagt zu dem Mann hinter dem Tresen, dass er festgestellt habe, dass es laute und leise Tage gibt, ungeachtet der Anzahl der Gäste. Ob ihm das auch aufgefallen sei? Er stimmt ihm zu, auch ihm käme es vor, als ob sich die Menschen manchmal die Worte sprichwörtlich aus dem Rachen zögen. An anderen krakeelten und schwatzten sie munter und laut, wie eben heute. Ganz so, überlegt der Barkeeper, als ob es kosmischen Schwingungen gäbe, die die Weltenlaune in die eine oder andere Richtung zieht. K. nimmt einen Schluck und sagt, dass er Kolleginnen habe, die sowas ja auf den Mond und so weiter schieben würden. Manchmal höre er auch Leute, die – sehr global, ha ha – vom globalen Stimmungsumschwung redeten und davon, wie der jetzt schon bis ins Büro oder die Familie spürbar sei. Und erst die Christen oder Esoteriker oder Anthri, Antopro, – Anthroposophen, half der andere ihm – genau die, die hätten da sicher auch eine Erklärung. Aber K. meine doch etwas anderes, irgendetwas dazwischen. Aber, ganz sicher, da gibts irgendwas.
WeiterlesenSchweigen II
Heiraten, hörte ich eine Frauenstimme fragen. Ihr wollt heiraten? Das Fragezeichen fällt fast hörbar auf den Tisch, der zwischen ihnen steht. Ich sitze im Zug und fahre nach Berlin. Gerade passieren wir einen Stausee, von dem ich mir jedes Mal vornehme, nachzusehen, wie er heißt und warum es ihn dort gibt. Nachdem man eine halbe Stunde an platten Felder vorbeigefahren ist – die man ignorieren muss, möchte man in Berlin noch einigermaßen wohlgemut aus dem Wagon steigen – ist dieser glitzernde, blaue, weite See, der immer in der Sonne zu liegen scheint, eine Irritation. Eine wohltuende Erscheinung, aber so erstaunlich wie ein fröhlicher Vater morgens im Kindergarten. Ja, höre ich die andere sagen, ihre Stimme ist tiefer, angenehm und ich stelle mir vor, dass sie dunkles, schönes Haar hat und einen herbstroten Lippenstift trägt. Wir heiraten!
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Ermächtigung – warum ich Gauck-Fan bin

Von mir selbst habe ich immer behauptet, ein freiheitlich denkender Mensch zu sein. Jemand, der gegen Bevormundung, aber auch für Selbstverantwortung einsteht. Ich habe trotzdem nie die FDP gewählt, ehrlich gesagt, bin ich auch nie auf den Gedanken gekommen. Und das liegt nicht nur am Personal. Ich hatte in letzter Zeit auch angefangen, mich damit auseinanderzusetzen, ob ich eines Tages nicht mehr werde wählen gehen können. Für eine Politikwissenschaftlerin ein starkes Stück und ehrlich gesagt, habe ich mich ziemlich vor dem Moment gefürchtet, da ich mir eingestehen würde, dass meine Beuys-Plastiktüte aktueller ist, als mir lieb ist (s.o.).
WeiterlesenLoF: 6 months later
Mein diesjähriger Weihnachtshit von der Compilation „About Christmas“, erschienen bei DevilDuck.
Facebook ist der Geliebte. Ist es vorbei, hört man nicht auf, sich für ihn zu interessieren. Man interpretiert die Informationen über den Verflossenen lediglich anders. Man liest und hört alles, was man zu ihm in die Hände kriegt. Ignoriert mit Macht jede Sentimentalität. Schürzt stattdessen verächtlich die Lippen oder murmelt mit fester Stimme: „Jaja! Wusst ichs doch.“ Hat einer, den man mag, was auf Facebook gelesen und er erzählt einem davon, strafft man die Schultern und man erzählt die Geschichte des Entkommen-Seins:
WeiterlesenAuf einer Welle sitzt auch mal eine Katze
Die Katze isst Gulasch. Mein Gulasch, das auf dem Gartentisch stand, als das Telefon klingelte. Ich habe sie nicht eingeladen, aber nun ist sie da. Sie sieht mich an mit diesem typischen Katzengesicht, das gleichzeitig lächelt und verschlagen dreinblickt. Sie ist schwarz mit ein paar weißen Flecken. Als die Kinder heranstürmen, springt sie weg.
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