Schmetterlingsgedanken


zu fühlen, dass man fühlt, ist hart, gerade

wenn man weiß, was dann passiert: das

Sehnen, die Unruhe, der scheele Gedanke, das Angefülltsein, der tiefe Schluchzer, der sich quer über die Zufriedenheit legt, ein Ton, der keine Atempause kennt, wenn er sich erst entfaltet und all die tiefen, letzten, frühen, alten, vergessenen und verdrängten Leiden des Herzens offenbart;

Aber dann auch die kleine Freude, einen Himbeerstrauch zu ernten und einen mürben Kuchen zu backen, das sauersüßwarmweiche Gebäck mit etwas Baiser zu reichen und all die Kämpfe vergessen, die man

ersatzhalber angezettelt hatte.

Während wir uns anlächeln, fließt eine Träne. Vielleicht zeige ich sie dir bald.

(c) Anja Mutschler, 7.7.25

What is love? Baby, don’t hurt me


Kinnladenoffene Augen sehen sich an

Wimpern werfen Schatten spendet

die Sonne, die sich weigert unterzugehen wie

auch wir uns weigern, loszulassen

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Heimat


Du bist das

nicht-gemachte Bett, von dem ich mich erhoben habe,

um mein Tagewerk zu

verrichten.

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Deine Ahnen, gingen sie zur See (revised)


Dein Blick bar jedes Gedankens stehst du vor mir.

Tausendundein Vogel

jenseits der See;

meine Wimpern umkreisen deine Seele.

Wir sprechen selten heute, es ist

einer jener Tage,

graublau,

aber wenn ich neben dir sitze und dein Nichtdenken zu mir herüberschwappt, weiß ich. Bin ich. Atme ich. Ein und wieder aus; du willst den Kopf drehen, aber ich erzähle etwas, damit du mich weiter ansiehst. Dein Blick bleibt blank, wie ein Katechismus. Es ist einer jener Tage.

Deine Seele ist voller Vorfahren, deren Geschichten du nicht kennst; deine Ahnen, gingen sie zur See? Stets vorbereitet auf eine Harpunenjagd, aber stumm einer Frau gegenüber. Gemeinsam schwimmen wir hinaus, deine großen Arme kämmen träge durchs Wasser, du bist drei Meter groß.

Manchmal will ich untergehen, nur um zu sehen, ob du mich rettest.

Wir tauchen gemeinsam. Deine Harpune – ist sie auf mich gerichtet? Schlingpflanzen liebkosen meine Schenkel. Du siehst zur Sonne. Schön, sage ich. Dann beginnst du einen sinnlosen Wettkampf und bist am Ufer, ehe ich losgeschwommen bin.

Haben wir uns je geküsst? Ich sitze neben dir wie ich unter einem Baum im Sommerwind sitze, gehüllt in Seide. Du bist der Wind und die Wurzel. Der Ackerbauer und der Wandergesell.

Wir kennen uns so viele kleine Stunden, dass wir schon tausend gemeinsame Tage hatten. Manchmal versuche ich, hinter die Gedanken zu kommen. Als Antwort stellst du mir eine Frage, die mich auf Grund und Boden weist. Manchmal sind wir für einen kurzen Moment wir, und wissen nicht, was wir tun sollen. Einmal habe ich deinen Fuß massiert. Auf deiner Dachterrasse nisten Welpen.

Wir schwimmen ein letztes Mal hinaus, das Ufer zittert durch den Zerrspiegel der

Blasen,

die wir strampelnd schlagen. Später reichst du mir das Handtuch. Der Himmel schaut unanständig. Dein Blick ist umwölkt, ein Seidentuch weht zu uns herüber. Ich lege lachende Apfelschnitze auf deine schönen Augen. Du riechst nach Achselhaaren.

(c) Anja Mutschler, 2023/2025

Mauern


Deine Mauern sind dick wie ein Extraleben. Mehrfach schon habe ich den Meißel angesetzt. Du wehrst ihn lässig ab, hast es längst erwartet. Dein Lächeln ist dein Tor zur Seele, deine Mundwinkel steuern den Zutritt. Nun halte ich das Steigbügel in den Händen,  aber ich zeige es dir, denn reden können wir über alles. Du seufzt und sagst, ich weiß, und zeigst mir die Route. Das Ende sehe ich nicht, Nebel schwimmt um dein Gemüt. Ich lege das Gerät beiseite und behalte meinen BH an.

Ode an Adrianne


Aus „Evol“, Adrianne Lenker, 2024

Love spells evol,
backwards, people

words back, words
backwards are lethal

Ich höre Musik nur zum Vergnügen. Wenn ich also sage, dass mir nur selten Lieder wegen ihrer guten Texte in Erinnerung bleiben, umfasst diese Aussage lediglich einen winzigen Ausschnitt aus der Musikgeschichte. Der frühe Henning May von AMK ist dabei, einige Lieder von Janis Joplin, Stromae natürlich und neuerdings auch die US-amerikanische Country-Sängerin (!) Adrianne Lenker. Kein Algorithmus hat mich auf ihre Spur gebracht, sondern ein Feuilletonbeitrag mit etwas schrägem Titel.

Ich muss schon viel Zeit haben, um Musikrezensionen zu lesen. Auf einer etwa 45-minütigen Fahrt im roten Doppeldecker-Bus von London Greenwich nach London City war der angenehme Zustand der Ennui erreicht. Während draußen das London der alten Docks und Lagerhäuser an uns vorbeifuhr und ich mich an den Umstand gewöhnte, dass in der britischen Hauptstadt alles adrett ist, auch das Hässliche, vertiefte ich mich in eine Rezension bei Spiegel Online.

Der Text von Andreas Borcholte begann glücklicherweise so interessant für einen Text-Addict wie mich, dass ich, die das Wort Countrymusik noch nicht verdaut hatte, dranblieb.

„Manche, sehr seltene Alben sind so dicht geschrieben und komponiert, dass man schon beim ersten Song andauernd auf die Pausentaste klickt, um dann zurückzuskippen und noch mal nachzuhören: Was hat sie da gerade gesungen? Oder einfach nur, um nachzusinnen, um noch einmal die Schönheit eines winzigen Songmoments zu erleben, der sonst allzu flüchtig vorbeigeweht wäre.
»Bright Future«, das fünfte und bisher beste Soloalbum der US-amerikanischen Songwriterin Adrianne Lenker ist so ein Wunderwerk. Dabei wirkt es zunächst gar nicht spektakulär: Auf den ersten Blick sind es nur ein paar hinreißend knarrende und klimpernde Folk-Songs mit intimen Texten, die Lenker zusammen mit ein paar engen Freunden irgendwo in den Wäldern von New England im Studio aufgenommen hat.“

Und was, soll ich sagen: er hat Recht!

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gegenwärme


die bunten wogen ölen hoffnung, gemeinsam gehen wir auf die dörfer, wir hören zu, wir widersprechen, wir haken uns ein und ziehen euch weg von den rohen, hämischen, kalten händen, löschen eure telegram-kanäle und legen neue zugänge, wir sprechen von solidarität und davon, dass die guten dinge immer länger dauern und ihr sagt, dass wir euch vergessen haben, und wir sehen uns an und sagen: wahrscheinlich stimmt das und: was können wir tun und ihr beginnt zu erzählen und wir widersprechen manchmal, denn demokratie ist kein konsumprodukt, aber wir müssen auch zugeben, dass wir uns nicht zuständig gefühlt haben und dachten, unsere wärme genüge auch für euch, aber euch ist kalt und immer wieder seht ihr euch um zu den freundlichen faschisten mit den einfachen botschaften, in den landstrich ohne dunkle hautfarbe, es kommt ja keiner mehr, genauso wie wir nicht kommen und manchmal verdrehen wir die augen, innerlich nur, weil die ängste, die ihr uns entgegenschallt, so einfach zu enttarnen wären, aber ihr seid noch nicht weg vom juicy feed, alles, was wir anzubieten haben, ist wirklichkeit und selbstveranwortung, aber eben auch das gefühl, nicht opfer zu sein und wir beginnen, bücher über drogenentzug zu lesen, und wo wir standhaft und wo wir empathisch und wo wir vorbild sein sollen, und es wird etwas leichter mit euch und uns, denn immer noch stehen wir uns gegenüber und hinter euch, wir sehen sie in euren augen, wartet die armada von hetze und hass, sirenen des untergangs, und wir bieten euch an, die wirklichkeit anzuerkennen, in all dem, was sie ist und sein kann, und wir sagen euch, dass ihr natürlich gestalten könnt, niemand würde euch aufhalten in einer demokratie, engagement klingt in euren augen so anstrengend und ihr bockt. aber wir bleiben da.

Emotionsverräter


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Deine Ahnen, gingen sie zur See


Bar eines Gedankens stehst du vor mir und ich weiß nicht, ob die schöne Seele, die ich in deinen Augen sehe, alles ist von dir. Tausend Vögel

kreisen

und meine Wimpern flattern, doch ich will weiter in dich sehen. Wir sprechen selten heute, es ist

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