Ein Deut (Verbeugung vor dem, was da ist, wenns wirklich drauf ankommt)


Deut, duit, das ist eine niederländische Scheidemünze aus dem 17. Jahrhundert, der allerletzte Rest eines Groschens, den man hervorkramt und dem Gegenüber hinhält, in der Hoffnung auf ein Stück Brot. Ist etwas kein Deut wert, ist es darob (heißt: also) nichts wert, noch nicht mal einen Krümel.

Zu sagen, etwas sei „keinen Deut“ wert, ist außer Mode. Wir sagen „mirdochegal“, „das ist natürlich Quatsch“ oder „überflüssig“. Etwas „keinen Deut“ beizumessen, ist gleichzeitig eine unserer Hauptbeschäftigungen geworden. Denn der Deut heute, das sind Begleiterscheinung von Dingen und Tatsachen, die uns auf (bzw. in) der Tasche liegen. Die meisten Waren, Kundenservice, Bürokratie, unbeantwortete Nachrichten, allgemein die Umstände des Lebens, das sind so Um-Deut-ungs-Maschinen unseres Leben. Wir sagen: (Die Beschäftigung damit ist) kein Deut wert. GEHT GRAD NICHT. Die Angelegenheit sagt: tja.

Dann, beispielsweise, echauffieren wir uns. Die Hitze (chaud/chauffer) im Wortstamm ist kein Zufall. Sie kann ein Deut tatsächlich zum Schmelzen bringen, wir haben es dann weg-echauffiert. Allerdings steht danach immer so viel Hitze im Raum. Langfristig schädigt das das Herz. Und kurzfristig haben wir sehr viel Mühe in ein Krümelchen investiert. Das Weg-Deut-en ist eine Anstrengung für sich.

Professioneller, und mit strategischem Echauffieren kombinierbar, wirkt die Ignoranz gegenüber dem Nebensächlichen, jenem einen Deut. Man findet etwas „nicht der Rede wert“ oder „der Sache nicht wert“. Vergegenwärtigen wir uns die Absender jener Ignoranz, deucht einem (von: dünkt, eine sehr subjektive Form der Einordnung, ganz ursprünglich auch: denken (!)) jedoch, es sei sehr wichtig, dass alle mitbekommen, wie sehr „kein Deut“ dies oder jenes wert ist.

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Zwanzig Jahre


Zwanzig Jahre brauchte dieser Gedanke, zwanzig Jahre.

aufgeschüttelt, abgerieben, angeeckt, hinuntergedrückt, klein geredet, weggeschmissen, aufgeplustert, weggelächelt, nachgespürt, losgeschickt und nicht angekommen, gegen das Licht gehalten und nichts darin entdeckt, heruntergeschluckt und wieder ausgespuckt, geschüttelt und gerührt, bis es nach Oliven schmeckte

zwanzig Jahre, bis aus einer Frage ein Gedanke wurde

weil ich gelesen habe, geredet, geträumt, gedacht, gelacht, gespielt, gerufen, gelitten, gezittert, geschrieben, gefühlt,

– vor allem –

weil ich gegangen bin, gekrochen und gerannt, gesprungen, auch rückwärts, weil ich gemalt habe und gedichtet, gesungen, gekocht, gebadet, Dinge geräumt, und Denken

– vor allem –

weil ich das Chaos ausgehalten habe und die Widersprüche, das, was nicht aufgeht, stehen gelassen und das was untergangen ist, irgendwann wieder hervorgeholt, nochmal angeschaut, abgestaubt, angedacht, anders gewendet, wieder besprochen, ein neues Mosaik hinzufügt, ein Aha,

Sternenstaub,

der mir zufällig zuteil wurde, viele Krisen, ach, so viele, das Staunen in Museen und Opernhäuser, Theatern und Konzertsälen, ich habe gesucht, erlebt, ausprobiert, angefangen, verworfen, versucht,

Freundschaften

und dann, dieser eine Abend, draußen, lau, nicht einsam, dunkel, ein Flugzeug fliegt an mir vorbei nach Mexiko, ich kann es an den

Lichtern

sehen, an dem ich den Gedanken endlich zu fassen bekomme.

Zwanzig Jahre für diesen einen Gedanken.

Der mich aufwühlt, abregt, kalt und heiß macht, weinen wegen des Gesterns – so viel Zeit ohne – und weinen wegen des Morgens – so viel Zeit mit dieser Erkenntnis. Der Gedanke ist erstickend klar wie Morgenluft, ich schaue dumm aus der Wäsche, ich seufze, lächle, lache mich kaputt darüber, dass wir das Denken automatisieren, ich bitte dich: zwanzig Jahre allein dafür, wie soll das gehen?, ich formuliere die Erkenntnis,

probehalber

so fruchtig und prall ist sie, dass man sie kaum übersehen konnte, aber wehe dem, der es sich nun einfach macht und bloß tja, zu mir sagt, als ob wir Erkenntnismaschinen seien, wo wir doch Widerspruchsmaschinen sind (darum geht es im Übrigen); die Erkenntnis, sie mag aussehen wie eine Rose, ist aber aus Unkraut, vergeht nicht, nie, also, ächzend, seufzend, schreiend, schluchzend, grummelnd, fluchend, enttäuscht und wie nennt sich das

erwachsen

schließe ich die Augen

und sehe den springenden Punkt,

im Sprung

und das ist ja schon mal was.

Dann nehme ich die Verfolgung auf. Wieder einmal.

(c) Anja Mutschler, 31.07.2025

Schmetterlingsgedanken


zu fühlen, dass man fühlt, ist hart, gerade

wenn man weiß, was dann passiert: das

Sehnen, die Unruhe, der scheele Gedanke, das Angefülltsein, der tiefe Schluchzer, der sich quer über die Zufriedenheit legt, ein Ton, der keine Atempause kennt, wenn er sich erst entfaltet und all die tiefen, letzten, frühen, alten, vergessenen und verdrängten Leiden des Herzens offenbart;

Aber dann auch die kleine Freude, einen Himbeerstrauch zu ernten und einen mürben Kuchen zu backen, das sauersüßwarmweiche Gebäck mit etwas Baiser zu reichen und all die Kämpfe vergessen, die man

ersatzhalber angezettelt hatte.

Während wir uns anlächeln, fließt eine Träne. Vielleicht zeige ich sie dir bald.

(c) Anja Mutschler, 7.7.25

Deine Ahnen, gingen sie zur See (revised)


Dein Blick bar jedes Gedankens stehst du vor mir.

Tausendundein Vogel

jenseits der See;

meine Wimpern umkreisen deine Seele.

Wir sprechen selten heute, es ist

einer jener Tage,

graublau,

aber wenn ich neben dir sitze und dein Nichtdenken zu mir herüberschwappt, weiß ich. Bin ich. Atme ich. Ein und wieder aus; du willst den Kopf drehen, aber ich erzähle etwas, damit du mich weiter ansiehst. Dein Blick bleibt blank, wie ein Katechismus. Es ist einer jener Tage.

Deine Seele ist voller Vorfahren, deren Geschichten du nicht kennst; deine Ahnen, gingen sie zur See? Stets vorbereitet auf eine Harpunenjagd, aber stumm einer Frau gegenüber. Gemeinsam schwimmen wir hinaus, deine großen Arme kämmen träge durchs Wasser, du bist drei Meter groß.

Manchmal will ich untergehen, nur um zu sehen, ob du mich rettest.

Wir tauchen gemeinsam. Deine Harpune – ist sie auf mich gerichtet? Schlingpflanzen liebkosen meine Schenkel. Du siehst zur Sonne. Schön, sage ich. Dann beginnst du einen sinnlosen Wettkampf und bist am Ufer, ehe ich losgeschwommen bin.

Haben wir uns je geküsst? Ich sitze neben dir wie ich unter einem Baum im Sommerwind sitze, gehüllt in Seide. Du bist der Wind und die Wurzel. Der Ackerbauer und der Wandergesell.

Wir kennen uns so viele kleine Stunden, dass wir schon tausend gemeinsame Tage hatten. Manchmal versuche ich, hinter die Gedanken zu kommen. Als Antwort stellst du mir eine Frage, die mich auf Grund und Boden weist. Manchmal sind wir für einen kurzen Moment wir, und wissen nicht, was wir tun sollen. Einmal habe ich deinen Fuß massiert. Auf deiner Dachterrasse nisten Welpen.

Wir schwimmen ein letztes Mal hinaus, das Ufer zittert durch den Zerrspiegel der

Blasen,

die wir strampelnd schlagen. Später reichst du mir das Handtuch. Der Himmel schaut unanständig. Dein Blick ist umwölkt, ein Seidentuch weht zu uns herüber. Ich lege lachende Apfelschnitze auf deine schönen Augen. Du riechst nach Achselhaaren.

(c) Anja Mutschler, 2023/2025

9.11.38 neu (etüde no1) // wie es eigentlich sein sollte


willkommen, geschätzt, geachtet, verstanden, aufgenommen, wahrgenommen, wärme, akzeptanz, respekt, safe space, zugewandt, zugehört, angehört, umarmt, an die hand genommen, getröstet, zusammengeführt, vereint, in ruhe gelassen, begrüßt, nicht müssen, können, wollen, sich äußern, reden dürfen, singen, an der hand halten, küssen, liebe, wahrgenommen, die bühne bieten, den vortritt lassen, verneigen, tribut zollen, applaudieren, die hand reichen, brüderlich umarmen, verschwestern, heiraten, herumalbern, der Kumpel sein, BFF, lachen, gackern, glucksen, schnattern, hineinlassen, die tür öffnen, einladen, gesellschaft, geselligkeit, verbinden, lernen, gemeinsam denken, weiterkommen, stimmt sagen, du hast recht sagen, entschuldigung sagen, danke sagen, bitte sagen, interesse zeigen, das eigene und das fremde, versöhnen, integrieren, interagieren, kommunizieren, gehen, herumstehen, nebeneinander, miteinander, aufeinander, durcheinander, fröhliches chaos, vielfalt, bunt, erkennen, neugier, offenheit, sich erkennen. sich im anderen erkennen. dürfen.

all das ist dieser tag. all das sollte er sein.

Don’t de-humanize!


Das Schöne an den Menschen ist

ihre

Fähigkeit, zu verzeihen. Einfach so. Weil die Zeit gekommen ist, weil wir

der Angelegenheit
einen weiteren Gedanken schenkten oder

sie irgendwann vergaßen.

Ausgeschlossen von dieser Routine des freien Geistes sind

„Bluts“verwandte
Nationalisten
Eiferer und andere, die vergessen haben,

ihren Gedanken in alle Richtungen zu

folgen.

Die Unbeschwerde eines neuen Tages kennen sie nicht. Auch nicht die Freude der Wiedervereinigung. Oder die Erleichterung der Einsicht.

Es ist schwer, sich mit einem Rache-Roboter zu einigen. Es ist unmöglich zwischen zwei Rache-Robotern. Rache ist

heiß,

sie ist süß und sie macht blind.

Der Sieg (über etwas oder jemanden) gilt als Gipfel der Menschheit. Mir scheint: das Ringen, nicht siegen zu müssen, ist der wahre

Triumph.

Don’t de-humanize!

Leipzig, im Oktober 2023 (c) Anja Mutschler

Deine Ahnen, gingen sie zur See


Bar eines Gedankens stehst du vor mir und ich weiß nicht, ob die schöne Seele, die ich in deinen Augen sehe, alles ist von dir. Tausend Vögel

kreisen

und meine Wimpern flattern, doch ich will weiter in dich sehen. Wir sprechen selten heute, es ist

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Dorfallüren (1)


Ich war 3 oder 4 und die Welt
war mein,
der Kuhstall, in dem wir Zunge aßen,
duftete nach Kälbern und die Bauernfamilie
liebte mich, ohne nachzufragen.

Ich war 3 oder 4 und ständig
auf Achse,
der Bus, der um die Welt fuhr,
nahm mich öfter mit und setzte mich
erst spät zu Hause aus.

Ich war 3 oder 4 und unser Garten
hieß Eden,
zumindest begann am Rand, wo wir
spielten, die fremde Welt
aus Tannen, die mir in die Träume schlüpfte.

Ich bin 4 und 4 und suche sonntags
Kuhdungduft, Horizont und Äpfelbäume.
Das pittoreske Haus trägt Fliegengitter. Als ich
nach dem Weg frage,
antworten sie kaum.

Kleinpösna/Leipzig, 13.08.2023

Kontaktanzeige


Würde ich eine Kontaktanzeige schreiben, in einer Zeitschrift aus Altpapier, lautete sie wie folgt:

Sie

schön, aber etwas rund,

klug, aber etwas sentimental,

kulturinteressiert, aber etwas banal,

gesund, aber etwas krank,

aktiv, aber im Prinzip lazy,

mag Tiere, aber nur draußen

mag arbeiten, aber mit Pausen

verbindlich, aber (supergern) crazy

Zwei große Kinder, noch nicht ganz erwachsen

mag Pflanzen, die aber bei ihr nicht wachsen

schreiben ist ihr Leben, kann aber auch Excel

eine Nomadin,

aber im Wechsel

mit der Präsenz der Wartenden, bin

ich auf der Suche nach dem anderen Ich,

das zärtlich

ist und bisweilen geduldig

wobei ich sagen muss, wenns klappte, wär mir gleich – tja –

mulmig.

P. S. schwimmen ja, joggen nein

(Erste Fragmente sind auch beim Schwimmen entstanden)

Scherbentext


Das Leben, wenn es alt genug ist, ist ein Scherbenhaufen. Oder ein Glascontainer, in dem donnernd die Form zerschellt. Wir fürchten das Neue, weil wir uns fragen, aus wie vielen Scherben es dieses Mal besteht. Nur zwei? Das ginge. Aber 2000? Nicht noch einmal.

Gibt es unwiederbringliches Glück? Ist man jung, fragt man sich das, in fester Erwartung, ein Nein zu hören. Nachdem man tausend Nächte den gleichen Traum hat, bei dem man immer an der gleichen Klippe zerschellt, ahnt man, dass es doch geht: falsch abzubiegen.

Wir werden zum Fakir unseres Schicksals, laufen nebeinander über Scherben. Wir versuchen, unsere Scherben nicht miteinander zu vergleichen. Wir bewundern die, die sich aus Scherben ein neues Haus bauen. Oder ein Fahrrad.

Wir werden alt, bis wir verstehen, dass unser Leben aus Scherben besteht, immer schon, dass Vergangenheit schmerzt, wenn sie gut war.

Aus uns fallen Gedanken, aber niemals Taten. Taten brauchen einen Ruck, eine Entscheidung, Gedanken nur unser Sehnen.

Was wir verwechseln: Wir denken, wir denken, wenn wir tun, und umgekehrt. Wir denken, wenn wir tun, tut es mehr weh, als wenn wir denken.

Es gibt keinen größeren Irrtum als den, dass man sich selbst nicht der größte Feind sei. Es gibt keinen größeren Feind als man selbst. Weil wir nur die Scherben zählen. Und nicht die Liebe, die sie verursacht hat.

Bild von dream.ai