Ein Deut (Verbeugung vor dem, was da ist, wenns wirklich drauf ankommt)


Deut, duit, das ist eine niederländische Scheidemünze aus dem 17. Jahrhundert, der allerletzte Rest eines Groschens, den man hervorkramt und dem Gegenüber hinhält, in der Hoffnung auf ein Stück Brot. Ist etwas kein Deut wert, ist es darob (heißt: also) nichts wert, noch nicht mal einen Krümel.

Zu sagen, etwas sei „keinen Deut“ wert, ist außer Mode. Wir sagen „mirdochegal“, „das ist natürlich Quatsch“ oder „überflüssig“. Etwas „keinen Deut“ beizumessen, ist gleichzeitig eine unserer Hauptbeschäftigungen geworden. Denn der Deut heute, das sind Begleiterscheinung von Dingen und Tatsachen, die uns auf (bzw. in) der Tasche liegen. Die meisten Waren, Kundenservice, Bürokratie, unbeantwortete Nachrichten, allgemein die Umstände des Lebens, das sind so Um-Deut-ungs-Maschinen unseres Leben. Wir sagen: (Die Beschäftigung damit ist) kein Deut wert. GEHT GRAD NICHT. Die Angelegenheit sagt: tja.

Dann, beispielsweise, echauffieren wir uns. Die Hitze (chaud/chauffer) im Wortstamm ist kein Zufall. Sie kann ein Deut tatsächlich zum Schmelzen bringen, wir haben es dann weg-echauffiert. Allerdings steht danach immer so viel Hitze im Raum. Langfristig schädigt das das Herz. Und kurzfristig haben wir sehr viel Mühe in ein Krümelchen investiert. Das Weg-Deut-en ist eine Anstrengung für sich.

Professioneller, und mit strategischem Echauffieren kombinierbar, wirkt die Ignoranz gegenüber dem Nebensächlichen, jenem einen Deut. Man findet etwas „nicht der Rede wert“ oder „der Sache nicht wert“. Vergegenwärtigen wir uns die Absender jener Ignoranz, deucht einem (von: dünkt, eine sehr subjektive Form der Einordnung, ganz ursprünglich auch: denken (!)) jedoch, es sei sehr wichtig, dass alle mitbekommen, wie sehr „kein Deut“ dies oder jenes wert ist.

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Widerstand


War es nie so und glaubten wir es nur, geliebte Freund*innen? Haben die Besitzstandswahrer tatsächlich zugehört oder nur den Mund gehalten?

An manchen Tagen scheine ich verrückt geworden zu sein, an anderen: gewesen zu sein. Was war das, noch vor kurzen Jahren? Glaube oder Wirklichkeit? Oder gibt es keinen Unterschied?

Es ist so schwer zu ertragen, dass Menschen, die besser nichts, nun alles in den Händen halten. Meine Kindheit fällt mir ein.

Die alte Wut.

Ob mir meine Ehrlichkeit den Umständen gegenüber nicht auch gefiele, fragte mich eine, die es aushält, diese Ehrlichkeit.

Äh, nein?!

Wir haben noch den Widerstand. Hoffentlich.

#sickworld


Heute läuft zum letzten Mal das schöne Ballet der Amazonen, volle Ränge, die bessere Gesellschaft formt beschwipst geduldige Worte in Sprechblasen, die sie sich gegenseitig von den Köpfen pflücken in den Pausen, manchmal baut eine höhere Tochter sie um in geduldet:e. Kriegerinnen exerzieren vorne Standspagat. Die Waffen mussten sie abgeben. Ihre Schamhaare drücken aus den Plissees, was dem besoffenen Bürger eine kurze Verschnaufspause vom Bürgersein verschafft, aber Ärger mit der Alten einbringen könnte, wenn er zu lange hinsieht, wobei er sie nie Alte nennen würde, hat er das wirklich gedacht? Seine Tochter sieht ihn kraus an und sagt etwas zu Schamhaaren, aber er will doch nur seine Ruhe. Die Alte, wie er sie nie nennen würde, hat sich mit den anderen Alten, die keiner so genannt haben würde, je, dem Schampus hingegeben und während die Amazonen auf der Bühne feuchte Muskeln an undenkbaren Stellen preisgeben, schmiedet die weibliche Phalanx vor seinen Augen die x-te Revolte, die zuverlässig beginnt und endet mit einem sinnlosen Krach. Er hat nichts dazu zu sagen, außer: Wieso, ich war doch da bei deinem Emanzenballet, waswillstdunoch?!

Utopia – ein Appell


„There is a thin line between positive thinking and delusion“,

sagt Belinda in der aktuellen Staffel des Streamingkrachers „White Lotus“ zu ihrem Sohn Zion. Er will 5 Millionen von einem Gangster erpressen. Er lacht nur – und zieht durch.

Neid! Denn derzeit ich suche ich intensiv nach diesem etwas YES in mir.

Wie lautet meine Utopie? Die, die mir Kraft gibt? Die, die mich Hürden überspringen lässt?

Ich fürchte stattdessen, zur Buchhalterin meiner Erfahrungen zu werden. Meine Erfahrungen, welche ich in „Möglichkeitsräumen“ anbieten darf. Räume im „Motel One“-Schick: Alle sind sich heiter (!) einig, dass man dem Großen auf der Spur ist. Man verabredet sich zu einem tollen Projekt, in dem man dies und das und jenes ändert. Allerdings passiert immer nur „beinahe“ etwas. Denn Möglichkeitsräume sind nichts für den großen Sprung.

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Safe Space Kunst


Essay, auf Basis des Vortrags am 23. März 2025 im Künstlerbund Heilbronn, der diesem Text auch seine Form geben soll:

Guten Tag liebe Anwesende und Gäste, sehr geehrte Kunstschaffende, namentlich Eva Petzold und Michael Mutschler, liebe Familie, sehr geehrte Sammlerfamilie Klagholz, liebe Mitglieder des Künstlerbunds Heilbronn und insbesondere lieber Klaus Rensch, der als Vorstand gemeinsam mit Kirsten, „Kiki“ Brunner überhaupt erst möglich gemacht hat, das wir diese Pop-Up-Ausstellung anlässlich des 400.-jährigen THG-Jubiläums realisieren konnten. Des Gymnasiums schräg gegenüber also, an dem die Künsterfamilie Mutschler, um die es hier geht, Lehrer oder Schüler*in waren. Mein besonderer Dank geht an dieser Stelle auch an den Schulleiter Frank Martin Beck, dessen Engagement mit dazu beigetragen hat, das so viele der Ehemaligen diese Ausstellung an diesem Wochenende besucht haben. Die übergroße Herzlichkeit, mit der mein Ansinnen hier allgemein aufgenommen worden ist, werde ich nicht vergessen. Danke auch euch, lieber Gus und liebe Eva, lieber Jogi und liebe Karin, für die freundliche Beherbergung während meiner Zeit hier!

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Grossinspirator, Kunstwerk von Michael Mutschler, 2018

UZA


Klöngen die Wurte so

Wie sie gemeindet wären

Hieße die UZA gleich Uzi,

Das Land der Revolvergeschichten

Make America wealth again und crashe

die Aktienkurse, verteure die Produkte für die,

die dich dafür gewählt haben, damit du das Leben billiger machst.

L’etat c’est moi.

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Heimat


Du bist das

nicht-gemachte Bett, von dem ich mich erhoben habe,

um mein Tagewerk zu

verrichten.

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Aufgelöst


Ich wollte sehen, wer du bist. Nun klappe ich dich wieder zu. Hinter der aufgereihten Routine ist nur Wahnsinn.

Deine Ahnen, gingen sie zur See (revised)


Dein Blick bar jedes Gedankens stehst du vor mir.

Tausendundein Vogel

jenseits der See;

meine Wimpern umkreisen deine Seele.

Wir sprechen selten heute, es ist

einer jener Tage,

graublau,

aber wenn ich neben dir sitze und dein Nichtdenken zu mir herüberschwappt, weiß ich. Bin ich. Atme ich. Ein und wieder aus; du willst den Kopf drehen, aber ich erzähle etwas, damit du mich weiter ansiehst. Dein Blick bleibt blank, wie ein Katechismus. Es ist einer jener Tage.

Deine Seele ist voller Vorfahren, deren Geschichten du nicht kennst; deine Ahnen, gingen sie zur See? Stets vorbereitet auf eine Harpunenjagd, aber stumm einer Frau gegenüber. Gemeinsam schwimmen wir hinaus, deine großen Arme kämmen träge durchs Wasser, du bist drei Meter groß.

Manchmal will ich untergehen, nur um zu sehen, ob du mich rettest.

Wir tauchen gemeinsam. Deine Harpune – ist sie auf mich gerichtet? Schlingpflanzen liebkosen meine Schenkel. Du siehst zur Sonne. Schön, sage ich. Dann beginnst du einen sinnlosen Wettkampf und bist am Ufer, ehe ich losgeschwommen bin.

Haben wir uns je geküsst? Ich sitze neben dir wie ich unter einem Baum im Sommerwind sitze, gehüllt in Seide. Du bist der Wind und die Wurzel. Der Ackerbauer und der Wandergesell.

Wir kennen uns so viele kleine Stunden, dass wir schon tausend gemeinsame Tage hatten. Manchmal versuche ich, hinter die Gedanken zu kommen. Als Antwort stellst du mir eine Frage, die mich auf Grund und Boden weist. Manchmal sind wir für einen kurzen Moment wir, und wissen nicht, was wir tun sollen. Einmal habe ich deinen Fuß massiert. Auf deiner Dachterrasse nisten Welpen.

Wir schwimmen ein letztes Mal hinaus, das Ufer zittert durch den Zerrspiegel der

Blasen,

die wir strampelnd schlagen. Später reichst du mir das Handtuch. Der Himmel schaut unanständig. Dein Blick ist umwölkt, ein Seidentuch weht zu uns herüber. Ich lege lachende Apfelschnitze auf deine schönen Augen. Du riechst nach Achselhaaren.

(c) Anja Mutschler, 2023/2025

Göttlicher Funke


Höflich macht die Ratlosigkeit Platz, als an einem Morgen,
verschwitzt und hustend dem Bett entronnen,
das Licht genau so stand, dass ihr Gemüt sich
jener Freude erinnerte

die sie einst getragen hatte.

Diese Freude war so groß gewesen wie Gott.

von
der Liebe getragen ließ sich alles tragen und ihren Irrtum,
dass sie dachte, diese Liebe sei nicht auch die zu sich oder
dass sie der Liebe nicht mehr würdig/fähig, dieser Irrtum

zerriss den Morgen im Mehrfamilienhaus
mit frohen Tränensalven in ein Vorher und ein altes, nun taufrisches Nachher.

Du warst immer da, nicht wahr? Ich habe dich nicht sehen können.

Denn du bist ruhig. Du bist da, wenn nichts ist. Du bist da, wenn es Gründe gäbe, sich nicht zu freuen. Genau dann bist du hier und sagst: sieh, die Liebe zu deinen Nächsten ist so groß, da kannst du mit Freude tun, was zu tun ist.

Danke, dass du da bist. Danke, dass ich dich wieder gefunden habe.

Später wird ein Freund sich darüber nicht wundern, weil er alles, was wir sind, für gleichzeitig möglich hält.

Wir haben die Wahl. Ich muss 46 Jahre alt werden, um dies zu verstehen. Vergessen will ich es nie wieder.