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Ganz gegenwärtig bin ich
im Gelächter verschwunden,
seelenschöne Menschen haken sich unter
Augenfeuerwerk, wohin ich auch
wimpere, der Gin läuft
die Wand hoch, Musik bitte,
liegt es am Alkohol oder der
atmenden Sphäre, dass
ich im Wohlgefühl verschwunden bin und
nicht mehr weiß, worüber wir geredet
haben. Du und ich und wir alle kreuzen
im Tümpel der Hoffnung, das
Lachen kommt aus Südost, wir
weben einen Gesprächsteppich,
sinnverstanden,
aber
was du mir eigentlich sagen wolltest – ich
werde dich
morgen
noch einmal fragen.
.
.
.
Gisela.
Einsatz für einen Satz, dieses Glück, um jede Silbe zu ringen.
Letzter Akt. Fata Morgana nennst du diese letzte Insel. Gerade erst bist du fast untergegangen, denn unter dem Weg zum Gipfel stapelte sich bloß das Meer.
Die Hoffnung des Menschen will nicht aufhören zu schlagen, also gehst du wieder los. Ein Aufziehmännchen auf dem Weg zum Untergang. „Lass dich nicht überraschen!“ „Lass dich überraschen!“ „Geh weg.“ „Bleib hier.“ „Geh doch, wohin der Pfeffer wächst.“ „Bleib bei dir.“ „Wer bist du?“ „Ich kann nicht denken.“ „Fühlst du mich?“ „Hier bin ich.“ „Ich bin nie da gewesen.“ Das Maschinengewehr der Gedanken erschlägt ihresgleichen.
Unversehens ein klarer Moment. Von deiner Fata Morgana aus siehst du Aurora auf dem Wasser schweben.
Sie ruft dich. Sie ruft dich. Du schwimmst ihr entgegen. Kopf über Wasser. Immer geradeaus. Links und rechts kann dich mal. Als du näher kommst, ist sie immer noch da, ein heller, zitternder Körper, der sich dir entgegenknospt. „Hallo Aurora, geile Aura.“ Für schlechte Witze bist du berühmt. Aurora lacht.
Sie lacht! Ein Sonnenstrahl streift deine UnZuversicht. Du vergisst, dass du hier bist, um zu sterben. Du nimmst ihr Kinn und drehst sie zu dir. Sie sieht dich an. Eure Augen explodieren. Ihre Küsse schmecken nach Milch.
Ihr Körper ist ein Gelände der Begehrlichkeiten. Ständig sucht sie deine Nähe. Aurora! Ihr suhlt euch im Dreck der Unsterblichkeit. Zeugt Gedankenkinder und -kindeskinder. Baut Paläste. Dein Hirnquartett versammelt sich zu acht und spielt in Sechzehnteln. Du ertappst Aurora, wie sie in den Noten herumkritzelt und gerätst vollkommen außer Takt.
Irgendwann sagst du derbe Dinge.
Aurora weint weiße Tränen. Ihr versöhnt euch. Körperlustgemenge, Explosionen und Zittern. „Wieso leidet sie?“ „Ich bin der Gejagte!!!“ Aurora zählt heimlich Pillen. Ihr führt Gespräche, die unversehens enden. Aber eure Hände finden sich immer wieder. Aurora seufzt. Ich habe dir nichts versprochen, wehrst du ab. Was willst du, sekundierst du dich selbst. Eines Morgens denkst du, sie verlässt dich und du gehst zuerst. Rote Tränen. Schwarze Tränen.
Du puhlst dir die Träume aus dem Kopf und backst ein Brot daraus.
Immer wieder Auroras Brüste, die direkt in deinen Schoß ragen. Billiger Trick, schimpfst du, dreibeinig humpelnd.
Gott ist tot und straft dich. So kompliziert ist es und nicht anders.
Aurora morst mit ihren Brüsten, dass sie auf dich warte, da, wo die Gegenwart Liebe zwischert. Wütend legst du eine Wolke von Gifs über ihre Milchdrüsen. Ihre traurigen Augen sprühst du zu.
Du baust dir die allerletzte Insel. Als du fertig bist, küsst sie sie. Und ein scheiß Regenbogen schießt zum Himmel.
im März 2022 entstanden.
Brüder, die sich nun hassen müssen. Ein aufgeklappter Rechner, eine zerknüllte Wolldecke und eine Rakete, wo vor Stunden noch Menschen saßen. Der neue Staub wirft ihre Schatten auf das maschinengewebte Sofa. Hässlich-gelb quillt der Schaumstoff daraus, er ist aus Zynismus gemacht.
Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.
Im Klopapierbunker quaken die westlichen Seelen, getroffen vom Schicksal derjenigen, die verrecken. Eine Vorwärtsbewegung ins Nirgendwo, während die anderen entschlossen ihre Taschen packen, um an die neue Front zu eilen.
Fluchthelferin. Söldner. Journalist. Politikerin. Ein Menschenwall gegen den Zerfall der Menschlichkeit. Hunderttausende auf den Straßen, Demokratie wagen und in den Himmel schauen, wo 1.300 km ostwärts Flieger jagen.
Menschenschicksale, frisch gepresst aus den Annalen des American Way of Life, sind auf der Flucht: Grafiker, Programmiererin, Sportler und Influencerin. Beim kollektiven Begreifen auf allen tausend Kanälen springen die Geschichtszahlen durcheinander. Es ist kalt. 1943. Sudetenland. Annexion. Cyberangriffe. NATO. 1938. Es ist kalt. Kiew. Stalingrad. Wir sagen jetzt Kviw. Durcheinandersprechchöre mit Fluchtpunkt Sieg. Für die Demokratie, die jetzt wieder Westen heißt, auch wenn sie im Osten verteidigt worden ist.
Selenskiyj ist jetzt schon ein Märtyrer und Putin hat jetzt schon verloren. Wertemauern werden hochgezogen.
Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.
Es herrscht Krieg, weil ein kleiner Mann mit Maskengesicht aus dem Diktatorenautomaten tödlich beleidigt ist vom Geschichtsverlauf. Wir fassen uns an den Kopf und sehen uns um. Unser Sofa ist aus Plüsch oder Leder, Samt oder Teflon, gewebt, geblümt, gestreift, mit Wolle oder ohne. Manche mit Rotweinfleck, zeugen vom besseren Leben. Wir sitzen und glotzen und Mariupol stirbt derweil.
Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.
Fliehende ohne Sprache und Blick stranden zu Tausenden und sollen Danke sagen, obwohl sie nie wegwollten. Stille trotz tausender Menschen in der Ankunftshalle. Das neue Schweigen legt sich wie Staub in ukrainische Kehlen. Aus den Ecken quellen listig die Menschenhändler, auch sie hat unser System mit ernährt.
Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.
Das Haus mit dem Sofa steht nicht mehr. Der russische Bruder weint beim Schießen.
(c) Anja Mutschler, 2022
Keine Ahnung, aber: Sind wir nicht längst eine Kriegsgesellschaft? Definitionsvorschlag: eine Gesellschaft, deren Handeln auf die Abwehr akuter kriegerischer Handlungen orientiert ist, ist eine Kriegsgesellschaft.
Ich stelle mir vor, wie die Kriegsgesellschaft im Zweiten Weltkrieg aussah. Auch dort herrschte an Ort A so etwas wie Alltag, während in Ort B Bomben fielen. Ich spreche hier nicht von Politik sondern von der seelischen Begleitmusik jeden Tages, an dem wir aufstehen, unsere Arbeiten verrichten und wieder schlafen gehen. Jener Ort B liegt derzeit außerhalb unseres Territoriums, aber die räumliche Nähe, ich habe darüber schon gesprochen (20blue hour #12, Es gibt Nichts Gutes an einem Krieg), die geistige Nähe dieser Menschen, die noch vor ein paar Monaten ein Leben führte, lässt mich und viele, mit denen ich spreche, die Not spüren. Die Ukraine, das sind unsere Nachbarn: wenn es ihnen nicht gut geht, spätestens dann, sind sie nicht mehr irgendwer.
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(c) Anja Mutschler, 2021
Zugfahren, das war: Beide Hände frei, während man, nicht zu schnell und nicht zu langsam, der neuen Gegenwart entgegengondelt.
Fährt man lange, sieht man das Wetter.
Fährt man sehr lange, sieht man die Jahreszeiten.
„Oh, schau, hier blüht es schon /// noch.“
Man konnte keine Tankstelle verpassen; kein Fahrrad überholt einen von rechts, manchmal gabs sogar was leckeres im Bordrestaurant, und wenn man keine Lust auf eine Verabredung hatte, sagte man: „sorry, Verspätung!“. Glaubte einem jeder. Der Zug war der freundliche Begleiter der Postmoderne,
anything goes, and anywhere.
Man übte sich in zivilisatorischer Toleranz, die Banane links, der Gameboy rechts und natürlich DER SCHNARCHER, das waren die kleinen Reiseaufreger, die man erzählte, während man heiter seine zerknitterte Blusen auf den Bügel hing.
Ich etwa habe mich umgesehen, Gedichte geschrieben und (bisweilen) gearbeitet.
Jetzt haben wir Klimawandel
und
Pandemie.
Man soll Zug fahren wollen, will es aber gar nicht.
WeiterlesenStatt Athen
.
Pantheon und die größte Sorge
ist ob wir der Mittagshitze entkommen
das Elend in den Seitenstraßen
und der gehetzte Kellner beschämen uns kurz
wir stehen am Hafen und träumen von Inseln.
WeiterlesenDieser Sommer 2020 ist mein Frühling. Denn ein Jahr ohne Frühling, wie dieses Jahr, ist eigentlich keines. Mein inneres Leben endet im November und beginnt im März.
Das entbiert jeder Logik, weil viele wichtige Menschen – einschließlich meiner Kinder und mir – in dieser Zeit Geburtstag haben. Aber die besten, großen Dinge sind mir immer im März passiert. Und erst, wenn es um 18 Uhr noch hell ist, nenne ich das Ganze „Tag“. Ich bin derart konditioniert auf mein März-Feeling, das ich sogar dazu neige, alles halbwegs Gute im März hochzujazzen. Meine Neigung, allem einen Sinn abzuverlangen, alles zu labeln, gerät dieses Jahr allerdings an seine Grenzen. Ich labele dieses Herumkäfern in den eigenen vier Wänden mit „in die vernünftigen Jahre kommen?!?“, obwohl ich mich lediglich genau so verhalte wie der überwiegende Teil der Menschheit. Im Keine-Ahnung-haben übe ich noch. Auch damit bin ich nicht allein, wie ich in den immer heftiger ausschlagenden Twitter-Eskapaden bemerke. Das Dreschen hat wieder begonnen. Aah.
WeiterlesenDie Gesellschaft leidet. Ich lese es. Ich höre es. Ich sehe es. Es gibt kein „Zurück“ mehr. Die Krise ist gekommen, um zu bleiben. Möglicherweise so lange, bis wir als (Welt-)Gesellschaft endlich etwas verstanden haben. So lange geht es aber erst einmal jedem einzelnen an den Kragen – zu wenig Außen, zu viel Innen – eine teuflische Mischung um verdrängte Lebensthemen auf den Tisch zu hieven. Ob allein oder gemeinsam: spätestens jetzt lernen wir sie kennen, unsere „After Show“-Personality. Das kann grausam sein. Oder höchst erfrischend.
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