Ein Deut (Verbeugung vor dem, was da ist, wenns wirklich drauf ankommt)


Deut, duit, das ist eine niederländische Scheidemünze aus dem 17. Jahrhundert, der allerletzte Rest eines Groschens, den man hervorkramt und dem Gegenüber hinhält, in der Hoffnung auf ein Stück Brot. Ist etwas kein Deut wert, ist es darob (heißt: also) nichts wert, noch nicht mal einen Krümel.

Zu sagen, etwas sei „keinen Deut“ wert, ist außer Mode. Wir sagen „mirdochegal“, „das ist natürlich Quatsch“ oder „überflüssig“. Etwas „keinen Deut“ beizumessen, ist gleichzeitig eine unserer Hauptbeschäftigungen geworden. Denn der Deut heute, das sind Begleiterscheinung von Dingen und Tatsachen, die uns auf (bzw. in) der Tasche liegen. Die meisten Waren, Kundenservice, Bürokratie, unbeantwortete Nachrichten, allgemein die Umstände des Lebens, das sind so Um-Deut-ungs-Maschinen unseres Leben. Wir sagen: (Die Beschäftigung damit ist) kein Deut wert. GEHT GRAD NICHT. Die Angelegenheit sagt: tja.

Dann, beispielsweise, echauffieren wir uns. Die Hitze (chaud/chauffer) im Wortstamm ist kein Zufall. Sie kann ein Deut tatsächlich zum Schmelzen bringen, wir haben es dann weg-echauffiert. Allerdings steht danach immer so viel Hitze im Raum. Langfristig schädigt das das Herz. Und kurzfristig haben wir sehr viel Mühe in ein Krümelchen investiert. Das Weg-Deut-en ist eine Anstrengung für sich.

Professioneller, und mit strategischem Echauffieren kombinierbar, wirkt die Ignoranz gegenüber dem Nebensächlichen, jenem einen Deut. Man findet etwas „nicht der Rede wert“ oder „der Sache nicht wert“. Vergegenwärtigen wir uns die Absender jener Ignoranz, deucht einem (von: dünkt, eine sehr subjektive Form der Einordnung, ganz ursprünglich auch: denken (!)) jedoch, es sei sehr wichtig, dass alle mitbekommen, wie sehr „kein Deut“ dies oder jenes wert ist.

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9.11.38 neu (etüde no1) // wie es eigentlich sein sollte


willkommen, geschätzt, geachtet, verstanden, aufgenommen, wahrgenommen, wärme, akzeptanz, respekt, safe space, zugewandt, zugehört, angehört, umarmt, an die hand genommen, getröstet, zusammengeführt, vereint, in ruhe gelassen, begrüßt, nicht müssen, können, wollen, sich äußern, reden dürfen, singen, an der hand halten, küssen, liebe, wahrgenommen, die bühne bieten, den vortritt lassen, verneigen, tribut zollen, applaudieren, die hand reichen, brüderlich umarmen, verschwestern, heiraten, herumalbern, der Kumpel sein, BFF, lachen, gackern, glucksen, schnattern, hineinlassen, die tür öffnen, einladen, gesellschaft, geselligkeit, verbinden, lernen, gemeinsam denken, weiterkommen, stimmt sagen, du hast recht sagen, entschuldigung sagen, danke sagen, bitte sagen, interesse zeigen, das eigene und das fremde, versöhnen, integrieren, interagieren, kommunizieren, gehen, herumstehen, nebeneinander, miteinander, aufeinander, durcheinander, fröhliches chaos, vielfalt, bunt, erkennen, neugier, offenheit, sich erkennen. sich im anderen erkennen. dürfen.

all das ist dieser tag. all das sollte er sein.

Gehn wie ein Ägypter


Schuhe. (c) Michael Mutschler, 2011
Schuhe. (c) Michael Mutschler, 2011

Egypt must be free

Als es in Ägypten begann, habe ich, nicht nur, weil eine befreundete Familie dort wohnt, zum ersten Mal seit langem eine unverhüllte Begeisterung über ein politisches Ereignis entwickelt. Ich lebe seither im schwindeligen Gefühl, einer bedeutsamen politischen Wende beizuwohnen. Vielleicht, weil ich mich an 1989 nur bruchstückhaft erinnere: aufgeregte Verwandte, rotbackige Geschichtslehrer, unverschämt viel Fernsehzeit und nicht zuletzt meine kindliche Erleichterung, dass „die da drüben“ jetzt endlich Urlaub „in Italien machen dürfen“. Berechtigte Einwürfe, eine schwankende arabische Welt könne am Ende nachteilig für alle sein und die Region jahrelang in Unruhen stürzen, gehen unter im Jubel der Demokratin. Ich lese atmosphärische Artikel wie den von Khaled Alkamissi in der Frankfurter Rundschau und überlege, ob man sagen darf, dass die Facebook-Generation einen informierteren Eindruck macht als die politische Garde auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

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