Viel zu viele


Manche haben die Zeit ihres Lebens, während uns das Herz ausbrennt. Es ist doch nur Politik, sagen sie, und füllen fleißig ihre Stiefel. Meine Siebenmeilenstiefel haben Löcher, die Sturmflut dringt aus den Kadavern, die dem neuen Pragmatismus zum Opfer gefallen sind. Junge Frauen weinen auf Demonstrationen, manchmal umarmen ihre Partner sie so zärtlich wie die Welt sie umarmen sollte. Beinahe hätten wir es geschafft, die Handlung im Angesicht der Verletzlichkeit und Würde anderer zu etablierten. Beinahe hätten wir vermocht, Weiblichkeit jenseits der Mütterlichkeit zum Prinzip zu erheben. Beinahe wären wir ebenso frei gewesen, ebenso mächtig, ebenso entscheidend. Ebenso mittelmäßig, aber erfolgreich.  Ebenso langweilig, aber entscheidend.  Ebenso faul, aber wirksam. Ebenso kompromisslos, aber anerkannt.

Enough!

Die Patriarchen aller Länder vereinigen sich. Sie zählen rückwärts und tragen Schulterpolster aus Dollarscheinen. Die rechte Frau legt sich bereit. Ein gar schönes Leben wartet auf euch, ihr manche, ihr viele, ihr viel zu viele.

(c) Anja Mutschler 2024

Besser nicht mehr alles zeigen?

Weiblich, misogyn – why???


Rüdiger und seine hohen Bücherregale, aus denen

drei Kinder fallen, wenn er

– Gin Tonic mit Gurke und Bambusstrohhalm –

in der Hand, den neuesten ZEIT-Bestseller ins Regal

und seine Geliebte einbe-stellt.

Seinetwegen?

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Schweigen II


(c) Michael Mutschler, 1994.

Heiraten, hörte ich eine Frauenstimme fragen. Ihr wollt heiraten? Das Fragezeichen fällt fast hörbar auf den Tisch, der zwischen ihnen steht. Ich sitze im Zug und fahre nach Berlin. Gerade passieren wir einen Stausee, von dem ich mir jedes Mal vornehme, nachzusehen, wie er heißt und warum es ihn dort gibt. Nachdem man eine halbe Stunde an platten Felder vorbeigefahren ist – die man ignorieren muss, möchte man in Berlin noch einigermaßen wohlgemut aus dem Wagon steigen – ist dieser glitzernde, blaue, weite See, der immer in der Sonne zu liegen scheint, eine Irritation. Eine wohltuende Erscheinung, aber so erstaunlich wie ein fröhlicher Vater morgens im Kindergarten. Ja, höre ich die andere sagen, ihre Stimme ist tiefer, angenehm und ich stelle mir vor, dass sie dunkles, schönes Haar hat und einen herbstroten Lippenstift trägt. Wir heiraten!