Utopia – ein Appell


„There is a thin line between positive thinking and delusion“,

sagt Belinda in der aktuellen Staffel des Streamingkrachers „White Lotus“ zu ihrem Sohn Zion. Er will 5 Millionen von einem Gangster erpressen. Er lacht nur – und zieht durch.

Neid! Denn derzeit ich suche ich intensiv nach diesem etwas YES in mir.

Wie lautet meine Utopie? Die, die mir Kraft gibt? Die, die mich Hürden überspringen lässt?

Ich fürchte stattdessen, zur Buchhalterin meiner Erfahrungen zu werden. Meine Erfahrungen, welche ich in „Möglichkeitsräumen“ anbieten darf. Räume im „Motel One“-Schick: Alle sind sich heiter (!) einig, dass man dem Großen auf der Spur ist. Man verabredet sich zu einem tollen Projekt, in dem man dies und das und jenes ändert. Allerdings passiert immer nur „beinahe“ etwas. Denn Möglichkeitsräume sind nichts für den großen Sprung.

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Grossinspirator, Kunstwerk von Michael Mutschler, 2018

UZA


Klöngen die Wurte so

Wie sie gemeindet wären

Hieße die UZA gleich Uzi,

Das Land der Revolvergeschichten

Make America wealth again und crashe

die Aktienkurse, verteure die Produkte für die,

die dich dafür gewählt haben, damit du das Leben billiger machst.

L’etat c’est moi.

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Klimakrise und Demokratie: über Einsicht, Notwendigkeit und kluge Visionen


Aus meiner Reihe: #lautbleibeabkommen mit der Demokratie

„Das Klimaschutzgesetz verpflichtet dazu, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 um 55 % gegenüber 1990 zu mindern und legt durch sektorenbezogene Jahresemissionsmengen die bis dahin geltenden Reduktionspfade fest (§ 3 Abs. 1 und § 4 Abs. 1 Satz 3 KSG in Verbindung mit Anlage 2). (…) Die zum Teil noch sehr jungen Beschwerdeführenden sind durch die angegriffenen Bestimmungen aber in ihren Freiheitsrechten verletzt. Die Vorschriften verschieben hohe Emissionsminderungslasten unumkehrbar auf Zeiträume nach 2030. Dass Treibhausgasemissionen gemindert werden müssen, folgt auch aus dem Grundgesetz.“

Aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2021 (Beschluss vom 24. März), aus dem Robert Habeck von Bündnis90/Die Grünen am 11.2.2025 in seiner letzten Rede im 20. Bundestag zitierte. (Link Beschluss, Link Rede Habeck)

Einsicht in die Notwendigkeit

Kein Zweifel: diese Bundestagswahl hat es in sich. Politisch engagierte Menschen wie ich schielen auf das zu erwartende Chaos nach der Wahl und fürchten uns jetzt schon vor den Wahlen danach. Dieses Gefühl ist neu. Für mich (als Politikwissenschaftlerin und langjährige, wissenschaftlich motivierte Begleiterin von Veränderungsprozessen) signalisiert dieses Bauchgrummeln auch, dass es um mehr geht als sonst. Daher habe ich mir mit diesem Text vorgenommen, auf den Grund meiner Irritation zu schauen. Denn für mich persönlich sind die politischen Entscheidungen, die zu treffen wären, klar: die Transformation in eine Wirtschaft und Gesellschaft, die imstande ist, die Klimakrise zu bremsen.

Ich bin ehrlich traurig darüber, dass die “Fortschrittskoalition”, die alle wesentlichen politischen Positionen zur Aushandlung eines innovativen, grünen und gerechten Übergangs in eine klimaneutrale (soziale Markt-)Wirtschaft vereint hat, so krachend gescheitert ist. Nun stehen wir vor einem Scherbenhaufen, bei dem es sich an manchen Tagen so anfühlt, als gäbe es eine Zwangsläufigkeit, in eine autokratisch geprägte Zeit hineinzustürzen wie unsere alte brotherhood, die USA, brutal, rassistisch, Naturgesetze und Menschlichkeit verachtend. Gleichzeitig spüre ich entschiedene Gegenwehr, nicht nur in mir. Wenn ich die schrillen Kanäle abschalte, ins direkte Gespräch gehe, wenn ich zuhöre oder einen längeren Text lese, wenn ich in von mir kuratierte Feeds und ausgewählte Gruppen gehe, dann sehe ich schnell, wie groß die Sehnsucht einer erquicklichen Zahl Menschen ist, eine gemeinsame Zukunftsvision zu entwickeln.

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Magdeburg, 20.12.24


Der Anschlag in Magdeburg macht mich sehr traurig. Gewalt ist im Kern immer unsinnig und diesen Akt finde ich deshalb so monströs, weil er aus dem Chaos gespiesen zu sein scheint, den das Feuer an Desinformation und bewusst geschürte Spaltungen in der Gesellschaft hervorrufen. Offenbar ist ein Mensch, der einst geradlinig war, durchgedreht. Das kann viele Gründe haben. Aber tatsächlich muss ein Arzt doch einen weiten Weg gehen, um vom Menschen heilen zum Menschen töten zu kommen. Und diesen Weg geht ein Geist nicht ohne Weiteres. Ich habe seit der Pandemie und fortgesetzt im Angriffskrieg Russlands Verschiebungen in Debatten von Menschen erlebt, die zuvor eine gerade innere Haltung hatten. Auch hier sind die Gründe verschieden, warum der Vertrauensverlust in die Wirksamkeit von Demokratie dazu führt, dass eine Verschwörungstheorie attraktiver erscheint als das tägliche menschliche Ringen um Richtig- und Wahrhaftigkeit. Aber das Ergebnis scheint unbedingte Mitleidlosigkeit zu sein und das ist nun wirklich das Ende der Menschheit. Daher geht bitte immer wieder in Euch, wenn ihr Hass, Abwertung, Häme, Verachtung spürt. Es nicht gedeihen zu lassen und wenn man nicht mehr weiter weiß, Hilfe zu holen, ist die Art von Verantwortung, die wir alle tragen. Auch Menschen, die erkennbar am Durchdrehen sind, aus dem Spiel zu nehmen, zählt dazu. Sonst geschehen diese Taten, die Menschenleben zerstören. Die Spaltung vertiefen. Das Chaos vergrößern. Und neue Menschen hervorbringen, die diese Taten begehen. Lasst uns alle miteinander gegen den Spaltpliz arbeiten.  Sprecht mit Menschen, die durcheinander gekommen sind in den letzten Jahren. Bestärkt sie in den guten Seiten und setzt klare Grenzen, wenn sie moralisch abdriften. Das kostet nichts. Aber wenn wir weiter so lauernd aufeinander blicken ist das, was die Marionettenspieler der „new chaos world order“ vorhaben, gelungen. Wir verkämpfen uns miteinander und gegeneinander anstatt den Gierigen, Unmäßigen, Kalten, Schwächeverachtenden immer wieder zu sagen: STOP, nicht weiter hier. Dieses Gebiet gehört der Menschlichkeit. Menschlichkeit ist, solche Taten nicht zu denken und schon gar nicht zu wollen!!!

[Anja Mutschler, 21.12.2024]

Ode an Adrianne


Aus „Evol“, Adrianne Lenker, 2024

Love spells evol,
backwards, people

words back, words
backwards are lethal

Ich höre Musik nur zum Vergnügen. Wenn ich also sage, dass mir nur selten Lieder wegen ihrer guten Texte in Erinnerung bleiben, umfasst diese Aussage lediglich einen winzigen Ausschnitt aus der Musikgeschichte. Der frühe Henning May von AMK ist dabei, einige Lieder von Janis Joplin, Stromae natürlich und neuerdings auch die US-amerikanische Country-Sängerin (!) Adrianne Lenker. Kein Algorithmus hat mich auf ihre Spur gebracht, sondern ein Feuilletonbeitrag mit etwas schrägem Titel.

Ich muss schon viel Zeit haben, um Musikrezensionen zu lesen. Auf einer etwa 45-minütigen Fahrt im roten Doppeldecker-Bus von London Greenwich nach London City war der angenehme Zustand der Ennui erreicht. Während draußen das London der alten Docks und Lagerhäuser an uns vorbeifuhr und ich mich an den Umstand gewöhnte, dass in der britischen Hauptstadt alles adrett ist, auch das Hässliche, vertiefte ich mich in eine Rezension bei Spiegel Online.

Der Text von Andreas Borcholte begann glücklicherweise so interessant für einen Text-Addict wie mich, dass ich, die das Wort Countrymusik noch nicht verdaut hatte, dranblieb.

„Manche, sehr seltene Alben sind so dicht geschrieben und komponiert, dass man schon beim ersten Song andauernd auf die Pausentaste klickt, um dann zurückzuskippen und noch mal nachzuhören: Was hat sie da gerade gesungen? Oder einfach nur, um nachzusinnen, um noch einmal die Schönheit eines winzigen Songmoments zu erleben, der sonst allzu flüchtig vorbeigeweht wäre.
»Bright Future«, das fünfte und bisher beste Soloalbum der US-amerikanischen Songwriterin Adrianne Lenker ist so ein Wunderwerk. Dabei wirkt es zunächst gar nicht spektakulär: Auf den ersten Blick sind es nur ein paar hinreißend knarrende und klimpernde Folk-Songs mit intimen Texten, die Lenker zusammen mit ein paar engen Freunden irgendwo in den Wäldern von New England im Studio aufgenommen hat.“

Und was, soll ich sagen: er hat Recht!

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gegenwärme


die bunten wogen ölen hoffnung, gemeinsam gehen wir auf die dörfer, wir hören zu, wir widersprechen, wir haken uns ein und ziehen euch weg von den rohen, hämischen, kalten händen, löschen eure telegram-kanäle und legen neue zugänge, wir sprechen von solidarität und davon, dass die guten dinge immer länger dauern und ihr sagt, dass wir euch vergessen haben, und wir sehen uns an und sagen: wahrscheinlich stimmt das und: was können wir tun und ihr beginnt zu erzählen und wir widersprechen manchmal, denn demokratie ist kein konsumprodukt, aber wir müssen auch zugeben, dass wir uns nicht zuständig gefühlt haben und dachten, unsere wärme genüge auch für euch, aber euch ist kalt und immer wieder seht ihr euch um zu den freundlichen faschisten mit den einfachen botschaften, in den landstrich ohne dunkle hautfarbe, es kommt ja keiner mehr, genauso wie wir nicht kommen und manchmal verdrehen wir die augen, innerlich nur, weil die ängste, die ihr uns entgegenschallt, so einfach zu enttarnen wären, aber ihr seid noch nicht weg vom juicy feed, alles, was wir anzubieten haben, ist wirklichkeit und selbstveranwortung, aber eben auch das gefühl, nicht opfer zu sein und wir beginnen, bücher über drogenentzug zu lesen, und wo wir standhaft und wo wir empathisch und wo wir vorbild sein sollen, und es wird etwas leichter mit euch und uns, denn immer noch stehen wir uns gegenüber und hinter euch, wir sehen sie in euren augen, wartet die armada von hetze und hass, sirenen des untergangs, und wir bieten euch an, die wirklichkeit anzuerkennen, in all dem, was sie ist und sein kann, und wir sagen euch, dass ihr natürlich gestalten könnt, niemand würde euch aufhalten in einer demokratie, engagement klingt in euren augen so anstrengend und ihr bockt. aber wir bleiben da.

Emotionsverräter


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Druck im Kessel


Zwischen gesund und tot liegt

im falschen Moment auf die Straße gegangen sein,

ein Flugzeug, das vom Himmel fällt

sich selbst fremd sein.

Zwischen gesund und tot liegt

der trübe Blick deiner Ärztin

ein falsches Date

eine Kettensäge.

Zwischen gesund und tot liegt

die Zigarette gegen alle Wahrscheinlichkeiten

Sehnsucht nach dem Falschen

Angst vor der eigenen Courage.

Zwischen gesund und tot liegt

aus einer Krebsfamilie kommen

aus einer neurotischen Familie kommen

aus gar keiner Familie kommen.

Zwischen gesund und tot liegt

ein Stein, der dich zum Abgrund zieht

ein Amoklauf

immer nur auf sich zu hören.

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(c) Anja Mutschler, im November 2023

9.11.38 neu (etüde no1) // wie es eigentlich sein sollte


willkommen, geschätzt, geachtet, verstanden, aufgenommen, wahrgenommen, wärme, akzeptanz, respekt, safe space, zugewandt, zugehört, angehört, umarmt, an die hand genommen, getröstet, zusammengeführt, vereint, in ruhe gelassen, begrüßt, nicht müssen, können, wollen, sich äußern, reden dürfen, singen, an der hand halten, küssen, liebe, wahrgenommen, die bühne bieten, den vortritt lassen, verneigen, tribut zollen, applaudieren, die hand reichen, brüderlich umarmen, verschwestern, heiraten, herumalbern, der Kumpel sein, BFF, lachen, gackern, glucksen, schnattern, hineinlassen, die tür öffnen, einladen, gesellschaft, geselligkeit, verbinden, lernen, gemeinsam denken, weiterkommen, stimmt sagen, du hast recht sagen, entschuldigung sagen, danke sagen, bitte sagen, interesse zeigen, das eigene und das fremde, versöhnen, integrieren, interagieren, kommunizieren, gehen, herumstehen, nebeneinander, miteinander, aufeinander, durcheinander, fröhliches chaos, vielfalt, bunt, erkennen, neugier, offenheit, sich erkennen. sich im anderen erkennen. dürfen.

all das ist dieser tag. all das sollte er sein.

Don’t de-humanize!


Das Schöne an den Menschen ist

ihre

Fähigkeit, zu verzeihen. Einfach so. Weil die Zeit gekommen ist, weil wir

der Angelegenheit
einen weiteren Gedanken schenkten oder

sie irgendwann vergaßen.

Ausgeschlossen von dieser Routine des freien Geistes sind

„Bluts“verwandte
Nationalisten
Eiferer und andere, die vergessen haben,

ihren Gedanken in alle Richtungen zu

folgen.

Die Unbeschwerde eines neuen Tages kennen sie nicht. Auch nicht die Freude der Wiedervereinigung. Oder die Erleichterung der Einsicht.

Es ist schwer, sich mit einem Rache-Roboter zu einigen. Es ist unmöglich zwischen zwei Rache-Robotern. Rache ist

heiß,

sie ist süß und sie macht blind.

Der Sieg (über etwas oder jemanden) gilt als Gipfel der Menschheit. Mir scheint: das Ringen, nicht siegen zu müssen, ist der wahre

Triumph.

Don’t de-humanize!

Leipzig, im Oktober 2023 (c) Anja Mutschler