Magdeburg, 20.12.24


Der Anschlag in Magdeburg macht mich sehr traurig. Gewalt ist im Kern immer unsinnig und diesen Akt finde ich deshalb so monströs, weil er aus dem Chaos gespiesen zu sein scheint, den das Feuer an Desinformation und bewusst geschürte Spaltungen in der Gesellschaft hervorrufen. Offenbar ist ein Mensch, der einst geradlinig war, durchgedreht. Das kann viele Gründe haben. Aber tatsächlich muss ein Arzt doch einen weiten Weg gehen, um vom Menschen heilen zum Menschen töten zu kommen. Und diesen Weg geht ein Geist nicht ohne Weiteres. Ich habe seit der Pandemie und fortgesetzt im Angriffskrieg Russlands Verschiebungen in Debatten von Menschen erlebt, die zuvor eine gerade innere Haltung hatten. Auch hier sind die Gründe verschieden, warum der Vertrauensverlust in die Wirksamkeit von Demokratie dazu führt, dass eine Verschwörungstheorie attraktiver erscheint als das tägliche menschliche Ringen um Richtig- und Wahrhaftigkeit. Aber das Ergebnis scheint unbedingte Mitleidlosigkeit zu sein und das ist nun wirklich das Ende der Menschheit. Daher geht bitte immer wieder in Euch, wenn ihr Hass, Abwertung, Häme, Verachtung spürt. Es nicht gedeihen zu lassen und wenn man nicht mehr weiter weiß, Hilfe zu holen, ist die Art von Verantwortung, die wir alle tragen. Auch Menschen, die erkennbar am Durchdrehen sind, aus dem Spiel zu nehmen, zählt dazu. Sonst geschehen diese Taten, die Menschenleben zerstören. Die Spaltung vertiefen. Das Chaos vergrößern. Und neue Menschen hervorbringen, die diese Taten begehen. Lasst uns alle miteinander gegen den Spaltpliz arbeiten.  Sprecht mit Menschen, die durcheinander gekommen sind in den letzten Jahren. Bestärkt sie in den guten Seiten und setzt klare Grenzen, wenn sie moralisch abdriften. Das kostet nichts. Aber wenn wir weiter so lauernd aufeinander blicken ist das, was die Marionettenspieler der „new chaos world order“ vorhaben, gelungen. Wir verkämpfen uns miteinander und gegeneinander anstatt den Gierigen, Unmäßigen, Kalten, Schwächeverachtenden immer wieder zu sagen: STOP, nicht weiter hier. Dieses Gebiet gehört der Menschlichkeit. Menschlichkeit ist, solche Taten nicht zu denken und schon gar nicht zu wollen!!!

[Anja Mutschler, 21.12.2024]

Viel zu viele


Manche haben die Zeit ihres Lebens, während uns das Herz ausbrennt. Es ist doch nur Politik, sagen sie, und füllen fleißig ihre Stiefel. Meine Siebenmeilenstiefel haben Löcher, die Sturmflut dringt aus den Kadavern, die dem neuen Pragmatismus zum Opfer gefallen sind. Junge Frauen weinen auf Demonstrationen, manchmal umarmen ihre Partner sie so zärtlich wie die Welt sie umarmen sollte. Beinahe hätten wir es geschafft, die Handlung im Angesicht der Verletzlichkeit und Würde anderer zu etablierten. Beinahe hätten wir vermocht, Weiblichkeit jenseits der Mütterlichkeit zum Prinzip zu erheben. Beinahe wären wir ebenso frei gewesen, ebenso mächtig, ebenso entscheidend. Ebenso mittelmäßig, aber erfolgreich.  Ebenso langweilig, aber entscheidend.  Ebenso faul, aber wirksam. Ebenso kompromisslos, aber anerkannt.

Enough!

Die Patriarchen aller Länder vereinigen sich. Sie zählen rückwärts und tragen Schulterpolster aus Dollarscheinen. Die rechte Frau legt sich bereit. Ein gar schönes Leben wartet auf euch, ihr manche, ihr viele, ihr viel zu viele.

(c) Anja Mutschler 2024

Besser nicht mehr alles zeigen?

Schweigen II


(c) Michael Mutschler, 1994.

Heiraten, hörte ich eine Frauenstimme fragen. Ihr wollt heiraten? Das Fragezeichen fällt fast hörbar auf den Tisch, der zwischen ihnen steht. Ich sitze im Zug und fahre nach Berlin. Gerade passieren wir einen Stausee, von dem ich mir jedes Mal vornehme, nachzusehen, wie er heißt und warum es ihn dort gibt. Nachdem man eine halbe Stunde an platten Felder vorbeigefahren ist – die man ignorieren muss, möchte man in Berlin noch einigermaßen wohlgemut aus dem Wagon steigen – ist dieser glitzernde, blaue, weite See, der immer in der Sonne zu liegen scheint, eine Irritation. Eine wohltuende Erscheinung, aber so erstaunlich wie ein fröhlicher Vater morgens im Kindergarten. Ja, höre ich die andere sagen, ihre Stimme ist tiefer, angenehm und ich stelle mir vor, dass sie dunkles, schönes Haar hat und einen herbstroten Lippenstift trägt. Wir heiraten!