Ein Deut (Verbeugung vor dem, was da ist, wenns wirklich drauf ankommt)


Deut, duit, das ist eine niederländische Scheidemünze aus dem 17. Jahrhundert, der allerletzte Rest eines Groschens, den man hervorkramt und dem Gegenüber hinhält, in der Hoffnung auf ein Stück Brot. Ist etwas kein Deut wert, ist es darob (heißt: also) nichts wert, noch nicht mal einen Krümel.

Zu sagen, etwas sei „keinen Deut“ wert, ist außer Mode. Wir sagen „mirdochegal“, „das ist natürlich Quatsch“ oder „überflüssig“. Etwas „keinen Deut“ beizumessen, ist gleichzeitig eine unserer Hauptbeschäftigungen geworden. Denn der Deut heute, das sind Begleiterscheinung von Dingen und Tatsachen, die uns auf (bzw. in) der Tasche liegen. Die meisten Waren, Kundenservice, Bürokratie, unbeantwortete Nachrichten, allgemein die Umstände des Lebens, das sind so Um-Deut-ungs-Maschinen unseres Leben. Wir sagen: (Die Beschäftigung damit ist) kein Deut wert. GEHT GRAD NICHT. Die Angelegenheit sagt: tja.

Dann, beispielsweise, echauffieren wir uns. Die Hitze (chaud/chauffer) im Wortstamm ist kein Zufall. Sie kann ein Deut tatsächlich zum Schmelzen bringen, wir haben es dann weg-echauffiert. Allerdings steht danach immer so viel Hitze im Raum. Langfristig schädigt das das Herz. Und kurzfristig haben wir sehr viel Mühe in ein Krümelchen investiert. Das Weg-Deut-en ist eine Anstrengung für sich.

Professioneller, und mit strategischem Echauffieren kombinierbar, wirkt die Ignoranz gegenüber dem Nebensächlichen, jenem einen Deut. Man findet etwas „nicht der Rede wert“ oder „der Sache nicht wert“. Vergegenwärtigen wir uns die Absender jener Ignoranz, deucht einem (von: dünkt, eine sehr subjektive Form der Einordnung, ganz ursprünglich auch: denken (!)) jedoch, es sei sehr wichtig, dass alle mitbekommen, wie sehr „kein Deut“ dies oder jenes wert ist.

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Schmetterlingsgedanken


zu fühlen, dass man fühlt, ist hart, gerade

wenn man weiß, was dann passiert: das

Sehnen, die Unruhe, der scheele Gedanke, das Angefülltsein, der tiefe Schluchzer, der sich quer über die Zufriedenheit legt, ein Ton, der keine Atempause kennt, wenn er sich erst entfaltet und all die tiefen, letzten, frühen, alten, vergessenen und verdrängten Leiden des Herzens offenbart;

Aber dann auch die kleine Freude, einen Himbeerstrauch zu ernten und einen mürben Kuchen zu backen, das sauersüßwarmweiche Gebäck mit etwas Baiser zu reichen und all die Kämpfe vergessen, die man

ersatzhalber angezettelt hatte.

Während wir uns anlächeln, fließt eine Träne. Vielleicht zeige ich sie dir bald.

(c) Anja Mutschler, 7.7.25

What is love? Baby, don’t hurt me


Kinnladenoffene Augen sehen sich an

Wimpern werfen Schatten spendet

die Sonne, die sich weigert unterzugehen wie

auch wir uns weigern, loszulassen

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Heimat


Du bist das

nicht-gemachte Bett, von dem ich mich erhoben habe,

um mein Tagewerk zu

verrichten.

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Scherbentext


Das Leben, wenn es alt genug ist, ist ein Scherbenhaufen. Oder ein Glascontainer, in dem donnernd die Form zerschellt. Wir fürchten das Neue, weil wir uns fragen, aus wie vielen Scherben es dieses Mal besteht. Nur zwei? Das ginge. Aber 2000? Nicht noch einmal.

Gibt es unwiederbringliches Glück? Ist man jung, fragt man sich das, in fester Erwartung, ein Nein zu hören. Nachdem man tausend Nächte den gleichen Traum hat, bei dem man immer an der gleichen Klippe zerschellt, ahnt man, dass es doch geht: falsch abzubiegen.

Wir werden zum Fakir unseres Schicksals, laufen nebeinander über Scherben. Wir versuchen, unsere Scherben nicht miteinander zu vergleichen. Wir bewundern die, die sich aus Scherben ein neues Haus bauen. Oder ein Fahrrad.

Wir werden alt, bis wir verstehen, dass unser Leben aus Scherben besteht, immer schon, dass Vergangenheit schmerzt, wenn sie gut war.

Aus uns fallen Gedanken, aber niemals Taten. Taten brauchen einen Ruck, eine Entscheidung, Gedanken nur unser Sehnen.

Was wir verwechseln: Wir denken, wir denken, wenn wir tun, und umgekehrt. Wir denken, wenn wir tun, tut es mehr weh, als wenn wir denken.

Es gibt keinen größeren Irrtum als den, dass man sich selbst nicht der größte Feind sei. Es gibt keinen größeren Feind als man selbst. Weil wir nur die Scherben zählen. Und nicht die Liebe, die sie verursacht hat.

Bild von dream.ai

Insel-Du(de)


Letzter Akt. Fata Morgana nennst du diese letzte Insel. Gerade erst bist du fast untergegangen, denn unter dem Weg zum Gipfel stapelte sich bloß das Meer.

Die Hoffnung des Menschen will nicht aufhören zu schlagen, also gehst du wieder los. Ein Aufziehmännchen auf dem Weg zum Untergang. „Lass dich nicht überraschen!“ „Lass dich überraschen!“ „Geh weg.“ „Bleib hier.“ „Geh doch, wohin der Pfeffer wächst.“ „Bleib bei dir.“ „Wer bist du?“ „Ich kann nicht denken.“ „Fühlst du mich?“ „Hier bin ich.“ „Ich bin nie da gewesen.“ Das Maschinengewehr der Gedanken erschlägt ihresgleichen.

Unversehens ein klarer Moment. Von deiner Fata Morgana aus siehst du Aurora auf dem Wasser schweben.

Sie ruft dich. Sie ruft dich. Du schwimmst ihr entgegen. Kopf über Wasser. Immer geradeaus. Links und rechts kann dich mal. Als du näher kommst, ist sie immer noch da, ein heller, zitternder Körper, der sich dir entgegenknospt. „Hallo Aurora, geile Aura.“ Für schlechte Witze bist du berühmt. Aurora lacht.

Sie lacht! Ein Sonnenstrahl streift deine UnZuversicht. Du vergisst, dass du hier bist, um zu sterben. Du nimmst ihr Kinn und drehst sie zu dir. Sie sieht dich an. Eure Augen explodieren. Ihre Küsse schmecken nach Milch.

Ihr Körper ist ein Gelände der Begehrlichkeiten. Ständig sucht sie deine Nähe. Aurora! Ihr suhlt euch im Dreck der Unsterblichkeit. Zeugt Gedankenkinder und -kindeskinder. Baut Paläste. Dein Hirnquartett versammelt sich zu acht und spielt in Sechzehnteln. Du ertappst Aurora, wie sie in den Noten herumkritzelt und gerätst vollkommen außer Takt.

Irgendwann sagst du derbe Dinge.

Aurora weint weiße Tränen. Ihr versöhnt euch. Körperlustgemenge, Explosionen und Zittern. „Wieso leidet sie?“ „Ich bin der Gejagte!!!“ Aurora zählt heimlich Pillen. Ihr führt Gespräche, die unversehens enden. Aber eure Hände finden sich immer wieder. Aurora seufzt. Ich habe dir nichts versprochen, wehrst du ab. Was willst du, sekundierst du dich selbst. Eines Morgens denkst du, sie verlässt dich und du gehst zuerst. Rote Tränen. Schwarze Tränen.

Du puhlst dir die Träume aus dem Kopf und backst ein Brot daraus.

Immer wieder Auroras Brüste, die direkt in deinen Schoß ragen. Billiger Trick, schimpfst du, dreibeinig humpelnd.

Gott ist tot und straft dich. So kompliziert ist es und nicht anders.

Aurora morst mit ihren Brüsten, dass sie auf dich warte, da, wo die Gegenwart Liebe zwischert. Wütend legst du eine Wolke von Gifs über ihre Milchdrüsen. Ihre traurigen Augen sprühst du zu.

Du baust dir die allerletzte Insel. Als du fertig bist, küsst sie sie. Und ein scheiß Regenbogen schießt zum Himmel.

Seelenkreisel


Den trauernden

Seelen ein Ständchen

voller Licht

Die See schlägt

Purzelbäume und

verschlingt den Ton

Barmherziger Seelenkreisel

ächzt nach Erlösung

und findet doch nur

— sich selbst.

(c) Anja Mutschler, geschrieben im Frühjahr 2019

Vergegenwart


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Viva Sonambulia (ohne _)


___ Schlaf, ichlein, schlaf (tic, toc 2:31 Uhr)____

Söhne solln ambulant buhln

Buhl_, Sohn, Ambrosia

Ampelbulimie

Sonar am Busn

Bambusjulia

Bimbamboul_

Lust am Bo_s_n

Sna/mbuli_r_n

Lumba, bumba, ufftata

Blusnsohn

Boulatti oder Bu, Latt_

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Ich wünschte, Peter Høeg hätte das geschrieben


Die Debatte zur Frauenquote. Ein Kammerstück.

Stabwechsel. (c) Michael Mutschler, 2011
Stabwechsel. (c) Michael Mutschler, 2011

Es treten auf:

  • Die Frau, die kann, aber nicht will (Frau Willnicht, aka: Will-Nicht).
  • Der Mann, der will, aber nicht kann (Herr Kannicht).
  • Der Mann, der nicht kann, aber darf (Herr Wieesheutesoläuft).
  • Die Frau, die können wollen würde, wenn sie dürfte (Frau Wieesheutesoläuft).
  • Die Frau, die neuerdings darf, obwohl keiner das will (Frau Quote).

Ferner:

  • Fachkräftearme Vorstandsvorsitzende.
  • Und Artemis.

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