Schmetterlingsgedanken


zu fühlen, dass man fühlt, ist hart, gerade

wenn man weiß, was dann passiert: das

Sehnen, die Unruhe, der scheele Gedanke, das Angefülltsein, der tiefe Schluchzer, der sich quer über die Zufriedenheit legt, ein Ton, der keine Atempause kennt, wenn er sich erst entfaltet und all die tiefen, letzten, frühen, alten, vergessenen und verdrängten Leiden des Herzens offenbart;

Aber dann auch die kleine Freude, einen Himbeerstrauch zu ernten und einen mürben Kuchen zu backen, das sauersüßwarmweiche Gebäck mit etwas Baiser zu reichen und all die Kämpfe vergessen, die man

ersatzhalber angezettelt hatte.

Während wir uns anlächeln, fließt eine Träne. Vielleicht zeige ich sie dir bald.

(c) Anja Mutschler, 7.7.25

What is love? Baby, don’t hurt me


Kinnladenoffene Augen sehen sich an

Wimpern werfen Schatten spendet

die Sonne, die sich weigert unterzugehen wie

auch wir uns weigern, loszulassen

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Viel zu viele


Manche haben die Zeit ihres Lebens, während uns das Herz ausbrennt. Es ist doch nur Politik, sagen sie, und füllen fleißig ihre Stiefel. Meine Siebenmeilenstiefel haben Löcher, die Sturmflut dringt aus den Kadavern, die dem neuen Pragmatismus zum Opfer gefallen sind. Junge Frauen weinen auf Demonstrationen, manchmal umarmen ihre Partner sie so zärtlich wie die Welt sie umarmen sollte. Beinahe hätten wir es geschafft, die Handlung im Angesicht der Verletzlichkeit und Würde anderer zu etablierten. Beinahe hätten wir vermocht, Weiblichkeit jenseits der Mütterlichkeit zum Prinzip zu erheben. Beinahe wären wir ebenso frei gewesen, ebenso mächtig, ebenso entscheidend. Ebenso mittelmäßig, aber erfolgreich.  Ebenso langweilig, aber entscheidend.  Ebenso faul, aber wirksam. Ebenso kompromisslos, aber anerkannt.

Enough!

Die Patriarchen aller Länder vereinigen sich. Sie zählen rückwärts und tragen Schulterpolster aus Dollarscheinen. Die rechte Frau legt sich bereit. Ein gar schönes Leben wartet auf euch, ihr manche, ihr viele, ihr viel zu viele.

(c) Anja Mutschler 2024

Besser nicht mehr alles zeigen?

Mauern


Deine Mauern sind dick wie ein Extraleben. Mehrfach schon habe ich den Meißel angesetzt. Du wehrst ihn lässig ab, hast es längst erwartet. Dein Lächeln ist dein Tor zur Seele, deine Mundwinkel steuern den Zutritt. Nun halte ich das Steigbügel in den Händen,  aber ich zeige es dir, denn reden können wir über alles. Du seufzt und sagst, ich weiß, und zeigst mir die Route. Das Ende sehe ich nicht, Nebel schwimmt um dein Gemüt. Ich lege das Gerät beiseite und behalte meinen BH an.

Weiblich, misogyn – why???


Rüdiger und seine hohen Bücherregale, aus denen

drei Kinder fallen, wenn er

– Gin Tonic mit Gurke und Bambusstrohhalm –

in der Hand, den neuesten ZEIT-Bestseller ins Regal

und seine Geliebte einbe-stellt.

Seinetwegen?

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Schweigen II


(c) Michael Mutschler, 1994.

Heiraten, hörte ich eine Frauenstimme fragen. Ihr wollt heiraten? Das Fragezeichen fällt fast hörbar auf den Tisch, der zwischen ihnen steht. Ich sitze im Zug und fahre nach Berlin. Gerade passieren wir einen Stausee, von dem ich mir jedes Mal vornehme, nachzusehen, wie er heißt und warum es ihn dort gibt. Nachdem man eine halbe Stunde an platten Felder vorbeigefahren ist – die man ignorieren muss, möchte man in Berlin noch einigermaßen wohlgemut aus dem Wagon steigen – ist dieser glitzernde, blaue, weite See, der immer in der Sonne zu liegen scheint, eine Irritation. Eine wohltuende Erscheinung, aber so erstaunlich wie ein fröhlicher Vater morgens im Kindergarten. Ja, höre ich die andere sagen, ihre Stimme ist tiefer, angenehm und ich stelle mir vor, dass sie dunkles, schönes Haar hat und einen herbstroten Lippenstift trägt. Wir heiraten!