Viel zu viele


Manche haben die Zeit ihres Lebens, während uns das Herz ausbrennt. Es ist doch nur Politik, sagen sie, und füllen fleißig ihre Stiefel. Meine Siebenmeilenstiefel haben Löcher, die Sturmflut dringt aus den Kadavern, die dem neuen Pragmatismus zum Opfer gefallen sind. Junge Frauen weinen auf Demonstrationen, manchmal umarmen ihre Partner sie so zärtlich wie die Welt sie umarmen sollte. Beinahe hätten wir es geschafft, die Handlung im Angesicht der Verletzlichkeit und Würde anderer zu etablierten. Beinahe hätten wir vermocht, Weiblichkeit jenseits der Mütterlichkeit zum Prinzip zu erheben. Beinahe wären wir ebenso frei gewesen, ebenso mächtig, ebenso entscheidend. Ebenso mittelmäßig, aber erfolgreich.  Ebenso langweilig, aber entscheidend.  Ebenso faul, aber wirksam. Ebenso kompromisslos, aber anerkannt.

Enough!

Die Patriarchen aller Länder vereinigen sich. Sie zählen rückwärts und tragen Schulterpolster aus Dollarscheinen. Die rechte Frau legt sich bereit. Ein gar schönes Leben wartet auf euch, ihr manche, ihr viele, ihr viel zu viele.

(c) Anja Mutschler 2024

Besser nicht mehr alles zeigen?

Reise mit Rucksack


Soll man in harten Zeiten reisen? Oder zu Hause bleiben? Reisen. Reisen. Reisen. Ich werde immer fürs Reisen votieren. Und wenn ich dann im Alltag verzichten muss – egal. Nichts bringt mich näher an mein Selbst als Reisen.

Der Trip: Leipzig – Warschau – Riga – Tallinn – Helsinki – Oulu – Helsinki – Travemünde – Leipzig

Die Fahrmittel: Zug, Bus, Schiff [Interrail]

Die Beteiligten: Die 44-jährige Mutter mit vielen Gedanken im Kopf, wie immer provokant optimistisch, für ihre Verhältnisse innerlich aufgeräumt, was sich auch in einer ziemlich professionellen Reiseplanung äußert, der frischgebackene Abiturient, der dem alten Leben entfliehen will, und mit fast 19 wieder anfängt Bücher zu lesen statt zu daddeln (bei Kindern niemals die Hoffnung aufgeben!!!) und der in Helsinki gen Oslo fliegen wird zu seinem Jungmann-Trip auf der Suche nach Lachsen (bislang haben sie nur Kirschen gefunden). Dazu die süße 16-Jährige, deren Status mit dem Alter wohl hinreichend beschrieben ist (*Katzenfauchen*).

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Rückwärts


Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Die Knattermöhre trägt mich durch blendend helle Gefrorenheit. Es ist Montag und ich fahre aus Leipzig nach Berlin. Die Bahn droht zu streiken, die Berliner S-Bahn tut es auf ihre Weise längst – so lasse ich mich von meinem grünen Ford auf einer fast leeren Autobahn gen Norden tragen. Dass ich dabei in umgekehrter Reihenfolge die Orte passiere, in denen ich gewohnt habe, wird mir erst klar, als ich am ersten vorbeirausche.

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